Ludwig Bechstein
Deutsches Märchenbuch, 1847

Das Märchen vom Ritter Blaubart


Es war einmal ein gewaltiger Rittersmann, der hatte viel Geld und Gut, und lebte auf seinem Schloffe herrlich und in Freuden. Er hatte einen blauen Bart, davon man ihn nur Ritter Blaubart nannte, obschon er eigentlich anders hieß, aber sein wahrer Name ist verloren gegangen. Dieser Ritter hatte sich schon mehr, als einmal verheirathet, allein man hatte gehört, daß alle seine Frauen schnell nach einander gestorben seien, ohne daß man eigentlich ihre Krankheit erfahren hatte. Nun ging Ritter Blaubart abermals auf Freiersfüßen, und da war eine Edeldame in seiner Nachbarschaft, die hatte zwei schöne Töchter und einige ritterliche Söhne, und diese Geschwister liebten einander sehr zärtlich. Als nun Ritter Blaubart die eine dieser Töchter heirathen wollte, hatte keine von Beiden rechte Lust, denn sie fürchteten sich vor des Ritters blauem Bart, und mochten sich auch nicht gern von einander trennen. Aber der Ritter lud die Mutter, die Töchter und die Brüder sammt und sonders auf sein großes und schönes Schloß zu Gaste, und verschaffte ihnen dort so viel angenehmen Zeitvertreib und so viel Vergnügen durch Jagden, Tafeln, Tänze, Spiel und sonstige Freudenfeste, daß sich endlich doch die Jüngste der Schwestern ein Herz faßte, und sich entschloß, Ritter Blaubarts Frau zu werden. Bald darauf wurde auch die Hochzeit mit vieler Pracht gefeiert.
Nach einer Zeit sagte Ritter Blaubart zu seiner jungen Frau: "Ich muß verreisen, und übergebe Dir die Obhut über das ganze Schloß, Haus und Hof, mit allem, was dazu gehört. Hier sind auch die Schlüssel zu allen Zimmern und Gemächern, in alle diese kannst Du zu jeder Zeit eintreten. Aber dieser kleine goldne Schlüssel schließt das hinterste Kabinet am Ende der großen Zimmerreihe. In dieses, meine Theure, muß ich Dir verbieten zu gehen, so lieb Dir meine Liebe und Dein Leben ist. Würdest Du dieses Kabinet öffnen, so erwartete Dich die schrecklichste Strafe der Neugier. Ich müßte Dir dann mit eigner Hand das Haupt vom Rumpfe trennen!" - Die Frau wollte auf diese Rede den kleinen goldnen Schlüssel gar nicht annehmen, indeß mußte sie dieß thun, um ihn sicher aufzubewahren, und so schied sie von ihrem Mann mit dem Versprechen, daß es ihr nie einfallen werde, jenes Kabinet aufzuschließen und es zu betreten.
Als der Ritter fort war, erhielt die junge Frau Besuch von ihrer Schwester und ihren Brüdern, die gerne auf die Jagd gingen; und nun wurde mit Lust alle Tage die Herrlichkeiten in den vielen vielen Zimmern des Schlosses durchmustert, und so kamen die Schwestern auch endlich an das Kabinet. Die Frau wollte, obschon sie selbst große Neugierde trug, durchaus nicht öffnen, aber die Schwester lachte ob ihrer Bedenklichkeit, und meinte, daß Ritter Blaubart darin doch nur aus Eigensinn das Kostbarste und Werthvollste von seinen Schätzen verborgen halte. Und so wurde der Schlüssel mit einigem Zagen in das Schloß gesteckt, und da flog auch gleich mit einem dumpfen Geräusch die Thüre auf, und in dem sparsam erhellten Zimmer zeigten sich - ein entsetzlicher Anblick! - die blutigen Häupter aller frühern Frauen Ritter Blaubarts, die eben so wenig, wie die jetzige, dem Drang der Neugier hatten widerstehen können, und die der böse Mann alle mit eigner Hand enthauptet hatte. Vom Tod geschüttelt wichen jetzt die Frauen und ihre Schwester zurück; vor Schreck war der Frau der Schlüssel entfallen, und als sie ihn aufhob, waren Blutflecke daran, die sich nicht abreiben ließen, und ebenso wenig gelang es, die Thüre wieder zuzumachen, denn das Schloß war bezaubert, und indem verkündeten Hörner die Ankunft Berittener vor dem Thore der Burg. Die Frau athmete auf und glaubte, es seien ihre Brüder, die sie von der Jagd zurück erwartete, aber es war Ritter Blaubart selbst, der nichts Eiligeres zu thun hatte, als nach seiner Frau zu fragen, und als diese ihm bleich, zitternd und bestürzt entgegentrat, so fragte er nach dem Schlüssel; sie wollte den Schlüssel holen und er folgte ihr auf dem Fuße, und als er die Flecken am Schlüssel sah, so verwandelten sich alle seine Geberden, und er schrie: "Weib, Du mußt nun von meinen Händen sterben! Alle Gewalt habe ich Dir gelassen ! Alles war Dein! Reich und schön war Dein Leben! Und so gering war Deine Liebe zu mir, Du schlechte Magd, daß Du meine einzige geringe Bitte, meinen ernsten Befehl nicht beachtet hast? Bereite Dich zum Tode! Es ist aus mit Dir!"
Voll Entsetzen und Todesangst eilte die Frau zu ihrer Schwester, und bat sie, geschwind auf die Turmzinne zu steigen, und nach den Brüdern zu spähen, und diesen, sobald sie sie erblicke, ein Nothzeichen zu geben, während sie sich auf den Boden warf, und zu Gott um ihr Leben flehte. Und dazwischen rief sie: "Schwester! Siehst Du noch Niemand?" - "Niemand!" klang die trostlose Antwort. - "Weib! komm herunter!" schrie Ritter Blaubart" "Deine Frist ist aus'."
"Schwester! siehst Du Niemand?" - schrie die Zitternde. "Eine Staubwolke - aber ach, es sind Schaafe!" antwortete die Schwester. - "Weib! komm herunter, oder ich hole Dich!" schrie Ritter Blaubart.
"Erbarmen! Ich komme ja sogleich! Schwester! siehst Du Niemand " - "Zwei Ritter kommen zu Roß daher, sie sahen mein Zeichen, sie reiten wie der Wind " - "Weib! Jetzt hole ich Dich!" donnerte Blaubarts Stimme, und da kam er die Treppe herauf. Aber die Frau gewann Muth, warf ihre Zimmerthüre ins Schloß, und hielt sie fest, und dabei schrie sie sammt ihrer Schwester so laut um Hülfe, wie sie beide nur konnten. Indessen eilten die Brüder wie der Blitz herbei, stürmten die Treppe hinauf und kamen eben dazu, wie Ritter Blaubart die Thüre sprengte und mit gezücktem Schwert in das Zimmer drang. Ein kurzes Gefecht, und Ritter Blaubart lag todt am Boden. Die Frau war erlöst, konnte aber die Folgen ihrer Neugier lange nicht verwinden.

Ludwig Bechstein (1801-1860)