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Von den achtzehen Soldaten
Achtzehen
Soldaten, nämlich ein Feldwebel, ein Sergeant, ein Corporal, ein Tambour
und vierzehen Gemeine waren zusammen auf einer einsamen Wacht.
Weil nun der Dienst sehr hart und das Traktement schlecht war, so that sich die
ganze Wachtmannschaft zusammen und beschloß, zu desertiren, nur der
Feldwebel, der ein alter Soldat war und zwei Feldzüge mitgemacht hatte,
wollte Nichts von der Sache wissen.
Da er's nicht anders wollte, so banden sie ihm Hände und Füße
zusammen, auf daß er nicht in Verantwortung und Strafe käme, legten
ihn unter die Pritsche und gingen alle Siebenzehen mit Sack und Pack davon. Sie
waren aber kaum ein paar hundert Schritt weit gegangen, so fiel dem Corporal
ein, daß er seine Pfeife auf dem Tisch hatte liegen lassen, und er ging
zurück, um sie zu holen. Unterdessen hatte sich der Feldwebel unter der
Pritsche die Sache noch ein Mal überlegt und weil er dachte, er
könnte doch vielleicht in harte Strafe kommen, so ward er anderen Sinnes
und reute es ihn, daß er nicht mitgegangen war. Als nun der Corporal
wieder hereintrat sprach er: 'Bind mich los, Kamerad, es liegt sich unter der
Pritsche noch schlechter, als oben darauf' und als er los war, schloß er
die Wachtstube zu, steckte den Schlüssel ein und desertirte mit.
Eine schöne Zeit waren sie zusammen umher gezogen, - das Geld war alle,
aber der Hunger und Durst noch nicht und sie dachten Mittags zuweilen an den
großen Fleischkessel in der Kaserne - da kamen sie einmal an ein einsames
Waldwirthshaus. Sie gingen hinein, der Feldwebel klapperte mit dem
Schlüssel und ein paar Kamaschenknöpfen im Sack, und sie ließen
sich einschenken und auftragen was in der Küche und im Keller war.
Als es darnach ans Bezahlen ging, griff der Feldwebel in den Sack, als wenn er
ein Paar von seinen Kronenthalern wollte springen lassen, aber 'das kann nicht
sein, Herr Feldwebel' rief der Sergeant, 'an mir ist das Bezahlen!' und griff
dabei in seinen Hosensack; der Feldwebel aber ging einstweilen hinaus.
"Haltet ein, Herr Sergeant!' rief jetzt der Corporal 'wollt Ihr immer die
Zeche bezahlen?' dabei fuhr er eilig in die Tasche, der Sergeant aber ging
einstweilen hinaus. Da sprach der Tambour: ' an mir ist heute die Reihe, soll
ich mich immer von euch füttern lassen?' - und der Corporal folgte den
Andern. Von dem Tambour wollte sich aber der älteste Gemeine nicht lumpen
lassen und so immer fort Keiner von dem Andern, bis herunter zu dem
jüngsten Soldaten, der noch ein Rekrut war. Der aber sprach, er wollte die
Anderen noch ein Mal alle hereinrufen, damit man genau nachrechnen könnte,
was jeder gegessen und getrunken - fort war er und lief den anderen Siebenzehen
nach.
Der Wirth hätte schwarz und blau vor Aerger werden mögen, als er sich
so geprellt sah, doch weil er ein böser heimtückischer Mann war,
machte er das Fenster auf und rief seinen Gästen mit freundlicher Stimme
nach: 'was lauft ihr also, ihr braven Bursche? Kommt zurück, euer
Spaß gefällt mir also wohl, daß ich euch noch eine Zehrung mit
auf den Weg geben will!' -
Als sie nun wiederkamen, gab er noch einem Jeden einen halben Gulden, und sie
sollten doch den Weg rechter Hand einschlagen und dann das zweite Pfädchen
links gehen, so würden sie an einen Berg mit einer offnen Thür
kommen, wenn sie dahineingingen, so möchten sie glücklich werden
für all ihr Lebtag!
Das leuchtete den Soldaten ein, sie dankten für die Zehrung und den guten
Rath, versprachen auch, nicht wiederzukommen und machten sich spornstreichs auf
den Weg nach dem Berge; der Wirth aber freute sich, daß ihm sein
schlimmer Anschlag so wohl gelungen war, denn in den Berg hinein war schon gar
Mancher gegangen, aber Keiner wieder heraus.
Die Achtzehen gingen den Weg rechter Hand und an dem großen Baum das
zweite Pfädchen links und dann durch die offne Thür in den Berg
hinein. Dadrinnen war es ganz hell, wie draussen auch, und eine schöne
breite Straße führte immer weiter hinein. Da sie ein gutes
Stück darauf fortmarschirt waren, kamen sie vor eine aufgezogene
Zugbrücke; die ließ sich aber von selber vor ihnen herab, daß
sie darüber gehen konnten. Nun waren sie in einem großen Hof. Sie
wanderten wieder eine Zeit? lang weiter, dann kamen sie an eine zweite
Zugbrücke, die sich niederließ wie die erste und über welche
sie in einen andern Hof gelangten. Ebenso ging es noch ein Mal über eine
dritte Brücke und in einen dritten Hof - da stand aber mitten darin ein
wunderschönes Schloß.
'Rangirt euch!' commandirte der Feldwebel, ließ die Mannschaft in Reihe
und Glied herantreten und die Unterofficiere auf die Flügel;
'Geschwindschritt Marsch!' hieß es dann, der Tambour schlug ein, und die
Achtzehen marschirten zum Schloßthor hinein, und als sie darinnen waren
erklärten sie das Schloß für erobert. Sie hatten freilich gut
erobern, denn es war ringsum nichts Lebendiges zu sehen und zu hören; wohl
aber fanden sie einen großen Saal, wo für achtzehen Mann gedeckt und
aufgetragen war, was ihnen gar wohl gefiel. Neben dem Saale waren achtzehen
schöne Schlafkämmerchen, eines wie das andere, ein jedes mit einem
prächtigen seidenen Bett, und das gefiel ihnen auch.
Nun setzten sie sich ohne weiteres zu Tisch, damit es nicht kalt werden sollte
und lebten hoch in Freuden bis in die Nacht hinein; dann krochen sie in die
weichen seidenen Betten und schliefen wie die Grafen. Der Feldwebel war der
Erste, der des anderen Morgens wieder aufwachte. Er wollte sich anziehen und
den Tambour wecken, daß er Reveille schlüge, doch seine Montur war
fort und nirgends mehr zu sehen. Er hing sich das Bettuch um und rief seinen
Kameraden - da kamen sie auch heraus, Einer nach dem Andern, aber Einer wie der
Andere im Bettuch gleich dem Feldwebel, denn ihre Kleider waren auch
verschwunden, als wären sie niemals dagewesen. Als sie sich im Saale
umschauten, sahen sie mitten auf dem Tisch zwei große Kisten stehen; sie
machten den Deckel auf, da fanden sie in dem einen Kasten eine
Feldwebelsmontur, eine Sergeanten-, eine Corporals- und eine Tambours-Montur
und vierzehen Stück gemeine Soldatenmonturen. Alles war funkelhagelneu,
als wenn es eben vom Schneider käme, und paßte wie angegossen. -
In den anderen Kisten waren siebenzehen prächtige neue Gewehre, Säbel
und Patrontaschen und eine nagelneue Trommel für den Tambour! Das war eine
Herrlichkeit!
Als die erste Freude vorüber war, sagte der Feldwebel, weil sie jetzt
wieder das Ansehen von ordentlichen Soldaten hätten, so wollten sie auch
ihren Dienst thun wie es sich gehöre.
Darauf führte er einen Theil der Mannschaft in die Wachtstube am
Schloßthor, theilte sie zum Schildwachtstehen in drei Nummern ab und von
nun an mußten sie ordentlich auf Posten ziehen und alle zwei Stunden
ablösen wie es sich gehörte.
Als sie es schon eine Zeit lang so getrieben hatten, da kam eines Tages eine
prächtige sechsspännige Kutsche angefahren und hielt vor dem
Schloßthor. Ein Bedienter in einem goldnen Rock machte den Schlag auf und
eine wunderschöne Dame stieg heraus. Sie ließ sich von der
Schildwache den Feldwebel herausrufen, ging mit ihm hinauf in seine
Schlafkammer und sprach zu ihm: 'Ich bin eine verwünschte Prinzessin, du
aber sollst mich erlösen und mein Bräutigam sein. Von Morgen an wird
jeden Tag eine andere Prinzessin kommen, die erste zum Sergeanten, die zweite
zum Corporal und so immer fort, bis ein Jeder von euch die Seinige gesehen und
mit ihr gesprochen hat. Also muß es geschehen, damit ihr uns erlösen
könnt.'
Das und noch Anderes redete sie mit dem Feldwebel, ehe sie von dannen fuhr und
wie sie gesagt, so kam es.
Die zweite Prinzeß kam des anderen Tages, ging mit dem Sergeanten hinauf
in die Kammer und beredete sich allda mit ihm und so ging es immer weiter,
jeden Tag kam eine andere und Eine immer noch schöner als die Andere. Dem
jüngsten Soldaten blieb aber die Seinige gar zu lange aus und weil er
dachte, wer weiß wann die Reihe an mich kommt, so entschloß er sich
kurz und desertirte.
Als er aber wieder an die erste Brücke kam, so stund da der Teufel und
frug ihn: 'wohinaus?' "Aus dem Berg hinaus!' sprach der Soldat, da
faßte ihn der Teufel und drehte ihm das Genick ab.
Als die anderen Soldaten ihren Kameraden vermißten, schickte der
Feldwebel eine Patrouille aus, um ihn zu suchen. Bald fanden sie ihn denn auch
todt am Boden liegen; er hatte seine alten zerrissenen Kleider wieder an, die
er mitgebracht und regte kein Glied mehr. Aber noch desselbigen Tages kam die
älteste Prinzessin wieder gefahren, ging mit ihrem Feldwebel hinauf und
sprach zu ihm: 'Daß euer Kamerad desertirt ist, das hat die ganze
Erlösung verdorben; entweder müßt ihr jetzt wieder einen
achtzehenten Mann herbeischaffen, daß Alles von Neuem beginnen kann, oder
ihr seid des Todes alle Siebenzehen.' So sprach sie und fuhr wieder weg. Nun
berief der Feldwebel die ganze Mannschaft zu sich, hielt einen Rath mit ihnen,
was sie thun sollten, und sie wurden einig, daß der Corporal mit zwei
Gemeinen auf Werbung ausziehen müsse nach dem achtzehenten Mann. Als nun
die Drei an die erste Brücke kamen, stand der Teufel davor und frug:
'wohinaus?' 'Auf Werbung' sprach der Corporal. "Passirt!' rief der Teufel
und ließ sie hinaus. So gelangten sie ungehindert über die drei
Brücken bis vor den Berg, gingen dieselben Wege, die sie früher
hergekommen wieder zurück, fanden bald auch das Waldwirthshäuslein
von damals wieder. Sie setzten sich an den Tisch zu dem Wirth, der sie in den
Berg hineingeschickt hatte; weil sie aber so sauber und ordentlich aussahen,
erkannte er sie nicht mehr und sie thaten als ob sie ihn auch nicht kennten. Es
dauerte nicht lange, so kam ein armer Handwerksbursch herein, setzte sich ganz
traurig an einen anderen Tisch und ließ sich ein Stück trocken Brod
geben und ein Glas Wasser dazu. Da riefen ihn die drei Soldaten zu sich, gaben
ihm Wein zu trinken und Braten zu essen. Da er nun satt war und guter Dinge
wurde, fragten sie ihn: ob er nicht für ein gutes Handgeld sich wolle
anwerben lassen? Das gefiel dem Handwerksburschen schlecht, deßhalb
antwortete er im Spott, wenn sie ihm hundert Gulden Handgeld geben wollten, so
wär' er's zufrieden. Der Corporal aber, der sich aus der Schatzkammer des
verwünschten Schlosses einen ganzen Tornister voll Geld mitgebracht hatte,
zählte ihm auf der Stelle zweihundert Dukaten auf den Tisch und die Sache
war abgemacht. Sie machten sich nun auf den Heimweg, der Teufel ließ sie
ungehindert einpassiren und im Schloß gab es eine große Freude, als
sie mit dem Rekruten ankamen.
Als sie aber aus dem Wirthshaus weg waren, sprach zum Wirth die Wirthin: 'Du
bleibst doch ein Esel all dein Lebtag, sonst hättest du gemerkt, daß
der Corporal und die zwei Soldaten schon ein Mal bei uns waren, unter den
achtzehen lumpigen Kerlen, die dich so schmählich angeführt haben.
Und zum Lohn dafür hast du sie glücklich gemacht für all dein
Lebtag!' Wie sie das meine? frug der Wirth. 'Ei du Narr' sprach sie 'hast du
denn das viele Gold nicht gesehen? Das haben sie nirgends anders geholt, als in
dem Berg, in den du sie geschickt hast, daß sie nicht wiederkommen
sollten. Jetzt aber will ich auch keine Bettlerin mehr bleiben. Auf der Stelle
packst du den Sack da auf und kommst mir nicht wieder, ohne daß er voll
Dukaten ist!'
Einreden half dem Wirth nicht, er mußte ohne Zaudern hinaus in den Wald,
den Weg rechter Hand, das zweite Pfädchen links und hinein in den
verzauberten Berg. Wer aber an der ersten Brücke stand war Niemand Anderes
als der Teufel, der frug ihn: 'wohinaus mit deinem Sack?' 'Geld holen für
meine Frau!' sprach der Wirth, da erwischte ihn der Teufel am Camisol und brach
ihm das Genick ab. Das hatte er nun davon. Die Wirthin daheim konnte es aber
nicht aushalten vor Erwartung und Ungeduld nach dem schönen Gold; sie
dachte, es möchte ihm zu schwer werden unterwegs, sie könnte ihm ja
entgegen laufen und es ihm abnehmen. Sie kam bis vor den Berg und wartete erst
noch eine Zeitlang vor der Thür, doch als der Wirth immer noch nicht
erschien, dachte sie: er hat zu schwer geladen und kann es nicht allein auf die
Achsel heben, du willst hineingehen und ihm helfen! Also ging sie hinein und
kam zu der ersten Brücke, wo der Teufel stand und auf sie wartete.
'Wohinaus, liebe Frau?' frug er. 'Zu meinem Mann!' 'Da kann sie hinkommen liebe
Frau' sprach der Teufel, griff sie bei den Haaren, drehte ihr den Hals ab und
warf sie hinab zu ihrem Manne. Jetzt waren sie beisammen. -
Den achtzehen Soldaten ging es besser. Da die Zahl durch den Rekruten voll
geworden war, so kamen die Prinzessinnen wieder angefahren, immer Eine nach der
Andern, jede zu ihrem Liebsten und Alle, bis zum Achtzehenten hielten es
diesmal richtig aus. Als die letzte Prinzessin dagewesen war, da kamen sie des
anderen Abends alle Achtzehen auf ein Mal, die Aelteste aber sprach: 'heute
Nacht müßt ihr die Erlösung zu Ende bringen; eine Jede von uns
legt sich zu ihrem Bräutigam, aber ruhig und stille muß ein Jeder
bei seiner Prinzessin liegen und Keiner reden oder sich rühren, bis es
Reveille schlägt.' So geschah's. Sie legten sich Alle Sechs und
dreißig zusammen und Alle hielten tapfer aus, nur der Tambour hätte
beinahe Alles verdorben. Denn gegen Morgen fiel es ihm plötzlich
brühheiß ein: holla! wer kann denn die Reveille schlagen wenn ich
bei der Prinzessin liege? Als er gerade herausspringen wollte, da begann es auf
einmal Reveille zu schlagen, aber was für eine Reveille! So hatte der
Tambour noch keine gehört! Es war gerade als ob zehn mal hunderttausend
Tamboure im Schloßhof stünden und schlügen! Jetzt war Alles
Liebes und Gutes. Die älteste Prinzessin blieb mit dem Feldwebel in dem
Schloß wohnen, das nun erlöst war, die anderen fuhren mit ihren
Männern fort, die eine dahin, die andere dorthin, wo eine jede ihr
Königreich hatte. Die Brücke war jetzt gut passiren, denn der Teufel
hatte nun andere Sachen zu thun, als dort Schildwacht zu stehen.
Johann Wilhelm Wolf 1817 - 1855
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