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Des Todten Dank
Es
war einmal ein reicher Kaufmann, der hatte einen einzigen Sohn und handelte in
die Türkei. Jedes Jahr fuhr er auf einem großen Schiff ins
Morgenland, und wenn er wiederkam, war es immer mit den kostbarsten Gütern
beladen. Als er nun ein alter Mann geworden war und ihm das Seereisen zu
beschwerlich vorkam, dachte er, er könne es doch wohl mit seinem Sohn
probiren und ihn einmal statt seiner fortschicken.
Der junge Kaufmannssohn bekam ein schönes Schiff und einen großen
Beutel voll Geld und allerlei gute Rathschläge mit auf den Weg. Vor Allem
aber warnte ihn sein Vater, daß er ja kein Menschenfleisch kaufen solle.
Der Kaufmannssohn segelte mit gutem Winde über das Meer und legte in der
Türkei sein Schiff ans Land. Dann steckte er seinen Beutel ein und ging in
die Stadt, um zu sehen, was es Gutes zu kaufen gebe. Da standen unter dem Thore
eine Menge Leute und wie er hinkam, sah er den Leichnam eines schwarzen
Sklaven, den hatte sein Herr da einmauern lassen, weil er ihm gestorben war,
statt zu arbeiten und er ihm keinen größern Tort mehr anzuthun
wußte. Wie nun der junge Mensch ein gutes Herz hatte, ging er gleich hin
und fragte, ob er denn den armen Kerl nicht loskaufen könne zu ehrlichem
Begräbnis. Anfangs wollte der schlimme Türke Nichts davon wissen,
doch durch vieles Lamentiren und Suppliciren brachte es der Kaufmannssohn
endlich dahin, daß man ihm für sein ganzes Geld den Leichnam gab,
den er sogleich ehrlich und ordentlich begraben ließ.
Nun kann man sich leicht denken, was der alte Kaufmann für einen Lärm
anschlug, als sein Sohn mit leerem Schiff wiederkam und erzählte, für
was er sein Geld ausgegeben hatte. Er verschwur sich, daß er ihn nie mehr
auf den Handel schicken wolle; doch als ein Jahr herum war, hatte ihm seine
Frau so zugeredet, daß er ihn doch noch einmal gehen ließ. Als er
nun wieder hinübergefahren war und in die Stadt kam, da sah er einen
großen, herrlichen Garten, darin war eine wunderschöne Dame
eingesperrt. Er fragte sie, wie sie dahin komme, und sie erzählte ihm, wie
sie auf dem Wasser gefangen und von einem reichen Türken gekauft worden
sei; sie werde zwar recht gut gehalten, aber gefangen sei sie eben doch. Gleich
lief er zu ihrem Herrn und sagte, er wolle die Dame kaufen, es koste, was es
wolle. Da half anfangs kein Bitten und kein Lamentiren, endlich kam es aber
doch so weit, daß er sie bekam, dafür mußte er freilich sein
Schiff verkaufen und Alles hergeben, so daß er gerade genug übrig
behielt, um mit seiner Frau auf einem andern Schiff überzufahren. Sie
kamen nach Haus, er getraute sich aber nicht, seinem Vater unter die Augen zu
treten. Er miethete sich ein Zimmer bei einem Bekannten und ließ nur
seiner Mutter heimlich sagen, er wäre da. Die Mutter war bald wieder gut
und schickte den jungen Eheleuten Essen und Geld und in einer guten Stunde trug
sie auch ihrem Mann die Sache vor. Der aber wollte Nichts mehr von seinem Sohne
wissen. Da gab die junge Frau ihrem Mann zehn Gulden, er solle Das und Jenes
dafür kaufen, hernach schloß sie sich mit den Sachen, die er geholt
hatte, ein und sagte, jetzt müsse er sie acht Tage lang allein lassen. Als
die acht Tage herum waren, hatte sie eine wunderschöne Schabracke
gestickt, mit der schickte sie ihn auf den Markt, er dürfe sie aber nicht
anders geben als für fünfhundert Gulden.
Als er auf dem Markte saß, blieb Alles stehen und betrachtete die
schöne Schabracke. Auch der alte Kaufmann kam, und die Stickerei gefiel
ihm so gut, daß er seinem Sohn gleich sechshundert Gulden dafür bot;
der aber sagte: 'Willst du mich nicht, so sollst du auch die Schabracke nicht
haben,' und da war's auf immer vorbei mit der Freundschaft. Als er nun die
Schabracke an einen Andern verkauft hatte, brachte er seiner Frau das Geld und
erzählte ihr, wie es jetzt Alles ab sei zwischen ihm und seinem Vater. Da
mußte er ihr für zwanzig Gulden Sachen holen und sie vierzehn Tage
allein lassen. Als aber die Zeit herum war, sagte sie zu ihm: 'War ich mit dir
bei deinen Leuten, so gehe jetzt mit mir zu meinen Leuten.' Sie mietheten sich
auf ein Schiff ein, die junge Frau aber holte eine Fahne herbei, die sie in den
vierzehn Tagen gemacht und worein sie gestickt hatte, wer sie war und wie es
ihr gegangen. Die Fahne ließ sie oben an den Mast nageln, damit Jeder
gleich sehen könne, wer da komme.
Jetzt muß ich aber gestehen, daß sie eigentlich eine
Königstochter war. Ihr Vater hatte drei wunderschöne Töchter
gehabt, die waren ihm alle drei gestohlen worden und seit drei Jahren schon
segelten des Königs Schiffe in der Welt umher und suchten. Solch ein
Schiff kam nun heran geschwommen und sah die Fahne. Gleich war es da. Unter
großem Vivatrufen stieg die Prinzessin mit ihrem Mann hinein und rasch
ging es fort nach Haus zu.
Die Befehlshaber des Schiffs waren aber drei große Bösewichter, die
hätten den Lohn für die Erlösung der Prinzessin viel lieber
selber gehabt und so wurden sie eins, daß sie, als es dunkel wurde, den
jungen Kaufmann im Schlafe beim Kopf nahmen und hinunterwarfen in die See.
Der hatte aber kaum das Wasser berührt, so war ein kohlschwarzer Kerl
neben ihm, der hielt ihn, daß er nicht sinken konnte: er glaubte es
wäre der Teufel. Gegen Morgen that ihn der Schwarze wieder ins Schiff und
als seine Frau da saß und sich grämte, weil ihr die Bösewichter
erzählt hatten, wie er aus Versehen über Bord gefallen sei, ging auf
einmal die Thür auf und er trat frisch und gesund herein. Die drei
Mörder glaubten, er sei unbemerkt am Schiff wieder in die Höhe
geklettert und stellten sich, als wenn sie sich sehr über seine Rettung
freuten. Sie bauten ihm nun eine Falle und lockten ihn darauf, daß er auf
einmal durch ein Loch wieder in das Wasser hinab fiel und dießmal kam er
nicht wieder. Dann fuhren sie mit gutem Winde weiter und landeten daheim bei
dem alten König. Der hatte eine gar zu große Freude und fragte, wer
denn seine Tochter erlöst habe? 'Das haben wir gethan!' sagten die
Mörder und weil sie der Königstochter einen Schwur abgenommen hatten,
daß sie nichts sagen durfte, so wurden sie große Männer im
Land und der reichste von ihnen sollte die Prinzessin heirathen. Da sie sah,
daß es nicht anders ging, bat sie sich Jahr und Tag Frist aus und als die
Frist um war, sagte sie, jetzt wolle sie heirathen, vorher aber
müßte ihr Bräutigam die drei Brautzimmer nach ihren Gedanken
ausmalen lassen. Es wurden nun aus der ganzen Welt die besten Maler
herbeigerufen, aber keiner konnte es ihr recht machen, immer sagte sie, es sei
nicht nach ihren Gedanken.
Jetzt müssen wir wieder nach dem Kaufmannssohn sehen. Wie der zum
zweitenmal ins Wasser fiel, hatte ihn auch gleich der Schwarze wieder beim Arm
und führte ihn mit sich fort durch die Luft. Unterwegs aber sagte er zu
ihm, er sehe jetzt, wie schlimm seine Sachen stünden, doch könne ihm
noch geholfen werden, wenn er ihm das erste Kind, das er dereinst von seiner
Frau bekomme, auf seinen zwölften Geburtstag zu eigen geben wolle. In
seiner Noth versprach der Kaufmannssohn Alles und war nur froh, daß es
nichts Größeres war. Der Schwarze flog noch lang mit ihm fort und
setzte ihn endlich in ein warmes Mooshüttchen, das weit, weit an dem
steinigen Meerufer stand. Da lag er nun und hatte Hunger und Durst und dachte:
ach wenn du nur ein gutes Stück Braten und einen Schoppen Wein
hättest! Und noch hatte er's nicht fertig gedacht, da stand's schon da.
Als er gegessen und getrunken hatte, wünschte er sich eine Pfeife Taback,
und gleich hatte er sie im Munde. So lebte er fort, Jahr und Tag, und aß
und trank zu was er Lust hatte und betrachtet die weite Aussicht. Nach langer
Zeit endlich kam der Schwarze und fragte ihn, ob er nicht Lebkuchenbäcker
werden wolle in einer großen schönen Stadt? Er verstand sich zwar
nicht auf die Bäckerei, weil er sich nie damit abgegeben, doch um nur
einmal fortzukommen aus dem langweiligen Hüttchen, sagte er zu. Der
Schwarze packte ihn auf, flog wieder weit, weit mit ihm fort und setzte ihn
endlich in die große schöne Stadt, einem Lebkuchenbäcker vor
die Thür, der gerade einen Gesellen nöthig hatte und den
Kaufmannssohn deßwegen mit Freuden annahm. Der machte sich gleich an die
Arbeit und die Sache ging ihm so gut von der Hand, daß man bald in der
ganzen Stadt von dem geschickten Lebkuchenbäcker sprach. Es kam auch vor
den König, der ließ ihn kommen und da er großes Wohlgefallen
an ihm und seinen Bäckereien fand, so sagte er: wenn er die Lebkuchen so
schön malen könne mit Bildern und Verslein, so könne er
vielleicht auch seiner Tochter die Zimmer ausmalen, wie sie es haben wolle nach
ihren Gedanken.
Er war gern dazu bereit und malte die drei Zimmer, eins schöner als das
andere und in das dritte malte er an die Decke, wie er die Königstochter
erlöst hatte und wie er verrathen worden war. Als er fertig und wieder
nach Haus gegangen war, kam die Prinzessin mit dem ganzen Hofstaate zur
Besichtigung. Im ersten Zimmer stutzte sie, im zweiten sagte sie, es wäre
recht so, aber als sie im dritten die Bilder sah, stürzte sie hin wie
todt. Als sie wieder zu sich kam, fiel sie mit großem Weinen ihrem Vater
zu Füßen und sagte, das habe kein Anderer gemalt, als ihr
wahrhaftiger Erlöser und rechter Gemahl, und länger könne sie
den Schwur nicht halten und somit gestand sie Alles.
Zugleich aber sah der König, wie die ganze Sache in dem Zimmer abgemalt
war, - kam in großen Zorn und ließ die falschen Diener radbrechen,
von unten herauf. Im Schloß aber gab es ein großes Fest und das
ganze Land mußte sich mitfreuen; der Kaufmannssohn hatte seine liebe Frau
wieder und das Königreich dazu.
Er lebte von selbigem Tage an glücklich und in Freuden; seine Eltern
wurden auch hergeholt und seine Frau genas eines Knäbleins, bei dem stand
der alte Kaufmann zu Gevatter und es wuchs heran zu einem wunderschönen
Prinzlein. Doch als das Kind zehn Jahr alt war, fiel sein Vater in Trauer, denn
er gedachte seines Versprechens, das er dem Schwarzen gegeben, als er mit ihm
davonflog durch die Luft.
Freilich hatte er immer den Trost: lieber König und im Schloß, als
beim Teufel im Hüttchen; doch als das Kind elf Jahr alt war und ins
zwölfte ging, da konnt er's nicht mehr aushalten, und gestand Alles seiner
Frau. Die hatte darob noch viel größeren Jammer als er und als des
Kindes zwölfter Geburtstag herankam, da legten sie es jede Nacht zwischen
sich ins Bett und hielten es fest von beiden Seiten.
AIs nun die letzte Nacht da war und es auf dem Schloßthurm zwölf Uhr
schlug, da klopfte es dreimal ans Fenster. Die Eltern sprangen mit großem
Klagen und Weinen aus dem Bett und der Vater nahm das Kind und hielt es hinaus
vors Fenster, draußen aber stand der Schwarze und fragte ihn, was er denn
eigentlich glaubte und für wen er ihn eigentlich hielte, gewiß
für den Teufel'! 'Für nichts Anderes,' sagte der König. Da
sprach der Schwarze: 'Nein, ich bin der, den du in der Türkei hast ehrlich
begraben lassen, und dir zu Gefallen bin ich noch über der Erde geschwebt,
bis auf diesen Tag; jetzt magst du dein Kind behalten, ich aber will schlafen
bis zum jüngsten Gericht.'
Johann Wilhelm Wolf 1817 - 1855
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