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Das weiße Hemd, das schwere Schwert und der
goldene Ring
Ein
König hatte eine Frau genommen, die war zwar von hoher Geburt, aber nicht
von hohem Sinn und brach ihm ihre Treue jeden Tag. Nach einem Jahre gebar sie
dem König einen Sohn, der war weiß und roth gleich Milch und Blut
und wurde mit jedem Tage schöner. Je mehr er heranwuchs, um so mehr zeigte
er sich seines Vaters würdig; er war einer der klügsten und zugleich
der edelsten und tugendhaftesten Jünglinge im ganzen Reich und alle,
welche ihn kannten, sprachen, er sei eben so schön wie brav. Als er
achtzehn Jahre alt war und so recht in seiner schönsten Blüthe stand,
da faßte die Königin plötzlich eine verbrecherische Liebe zu
ihm und sprach zu sich selber: Er muß mein Gemahl werden, es mag gehen
wie es wolle. Sie wußte wohl, daß sie dieß nicht in ihrem
Schlosse erreichen konnte und fürchtete auch, der Jüngling könne
es seinem Vater sagen, wenn sie ihm davon spreche; darum machte sie einen
Anschlag, ihn in ein fremdes fernes Land zu entführen, dort dachte sie,
werde sie schon leicht ihr Ziel erreichen.
Bald darauf war der Geburtstag des schönen Prinzen und der König
befahl, daß man ihn mit großen Festen feiere. Morgens sollten die
Musikanten von allen Regimentern seines Heeres in der Kirche beim Gottesdienst
spielen, Mittags um zwei Uhr sollte ein Gastmahl sein, zu welchem viele tausend
Gäste geladen wurden, und Abends sollten alle Häuser der Stadt und
das Schloß und alle Gärten am Schloß erleuchtet und
überall Feuerwerke abgebrannt werden. Also geschah es auch. Als nun die
Kirche aus war, da führte die Königin ihren Sohn in den Garten und
plauderte ihm gar süß vor, so daß er gar nicht bemerkte,
daß sie stets weiter von dem Schloß abkamen. Endlich standen sie
ehe er sich's versah, an einem Wasser, das war so groß, daß man das
andere Ufer nicht sehen konnte, und am Ende lag ein prächtiges Schiff.
'Ach welch ein schönes Haus da auf dem Wasser schwimmt', rief der Prinz,
der noch nie ein Schiff gesehen hatte. 'Du siehst das Haus nur von
außen,' sprach die Königin, 'von innen ist es noch viel
schöner, als unser Schloß.' 'Ach das möchte ich sehen!' sprach
der Jüngling und da führte sie ihn auf das Schiff und ging mit ihm
aus einem Zimmer in das andere und setzte sich in jedem nieder. Als sie so ein
paar Stunden auf dem Schiffe zugebracht hatten, sagte der Prinz: 'Liebe Mutter,
jetzt wird das Mahl bald beginnen, darum müssen wir eilen, daß wir
nach Hause kommen, damit mein Vater und die Gäste nicht auf uns warten
müssen.' 'Es hat noch Zeit' antwortete die Königin, aber er wollte
fort und stieg hinauf auf das Verdeck. Wie erschrak der Prinz aber, als er von
dem Garten keine Spur und ringsum nur Himmel und Wasser sah. Die Königin
hatte nämlich mit dem Schiffmann ausgemacht, daß er am
Schloßgarten zu der bestimmten Stunde halten und sobald sie auf dem
Schiffe wären, die Anker lösen müsse, um sie in ein anderes Land
zu fahren. Der Prinz lief vor Schrecken außer sich zu seiner Mutter und
rief: 'Mutter, das schwimmende Haus ist ein Räuberhaus und die Räuber
haben uns entführt.' ' Sei ruhig, mein Sohn,' sprach die Königin,
'ich wollte dich nur ein wenig erschrecken, bald kommen wir schon wieder an das
Land.' Darin hatte sie wohl recht, es dauerte nicht lange, da sah der Prinz ein
schwarzes Pünktchen in der Ferne, das wurde immer größer und
als sie näher kamen, war es ein prächtiger Eichenwald. Das Schiff
fuhr gerade darauf zu und legte an, die Königin nahm ihren Sohn bei der
Hand und sprach: 'Hier steigen wir aus und du wirst schon bald zufrieden
gestellt sein.'
Also traten sie ans Land und gingen in den schönen Wald. Der Prinz frug
wohl oft, ob das denn auch noch ein Lustgarten von des Königs Schloß
sei und ob sie nun bald zu Hause wären, doch wußte sie ihn immer
abzuschweigen, bis sie an einen freien Platz kamen. Da sprach sie: 'Lieber
Sohn, ich bin müde, laß uns hier ein wenig ausruhen.' Als sie nun so
neben einander im Grast lagen, da küßte sie ihn und sprach ihm von
ihrer Liebe, sagte ihm auch, daß sie ihn entführt habe und jetzt
müsse er ihr Gemahl werden, wenn sie nicht auf der Stelle sterben solle.
Aber der Prinz verwies ihr streng dieß schändliche Begehren und
sprach: 'Liebe Mutter, gedenke der großen Sünde, welche wir beide
thäten, das kann nun und nimmermehr geschehen.' Dabei blieb er auch
standhaft, wie viel die Königin ihm auch noch vorschwatzte. Als sie nun
sah, daß Alles vergebens war, da faßte sie einen Haß auf ihn,
der war eben so groß und noch größer, als ihre Liebe gewesen
war. Sie ließ sich aber nichts merken und that so freundlich, wie zuvor,
sprach, sie habe seine Tugend nur auf die Probe stellen wollen.
Nachdem sie nun ausgeruht hatten, gingen sie zusammen weiter in dem Walde bis
gegen Abend; da öffnete sich der Forst und sie sahen in der Ferne ein
hohes, schönes Schloß liegen. Der Prinz sprach: 'Liebe Mutter,
bleibe du hier zurück, ich will zuerst in das Schloß gehn und sehen,
wer da wohnt; wenn es kein Räuberhaus ist, dann hole ich dich bald wieder
ab.' Sie war damit zufrieden und er ging hin. Die Thore standen offen, er kam
in den Hof und in die Zimmer, aber alle Leute, welche er sah, lagen im tiefsten
Schlaf, die Bedienten und die Kammerjungfern, Koch und Köchin, Stallknecht
und Viehmagd. Nachdem er fast das ganze Schloß durchwandert hatte, kam er
zuletzt in einen hohen und herrlichen Saal, darin stand in der Mitte ein runder
goldner Tisch und auf dem Tische lag ein weißes Hemd und ein goldner
Ring. Rund um den Tisch, lief aber eine silberne Schrift, welche hieß:
'Wer dieses Hemd anzieht, der kann das Schwert an der Wand regieren. Wer diesen
Ring in den Mund nimmt, versteht die Sprache der Vögel.' Er schaute auf,
da sah er an der Wand ein mächtiges, breites Schwert und da er in den
Waffen sehr geübt war, wollte er es nehmen und ein paar Kreuzhiebe durch
die Luft machen, aber er konnte es nicht einmal heben und vom Nagel langen. Da
zog er das weiße Hemd an und steckte den Ring an den Finger; sogleich war
ihm, als würde er ein ganz andrer Mensch und als flösse ganz neues,
frisches Blut in seinen Adern. Er sprang in einem Satz an die Wand, faßte
das Schwert und schwang es, wie einen Zierdegen, deßgleichen die
Hofherren zu tragen pflegen.
In demselben Augenblick hörte er in dem Schloß ein Laufen und
Rennen, als wenn Hunderte von Leuten durcheinander liefen, die Thür flog
auf und drei Diener in prächtigen Anzügen kamen herein und fragten:
'Was befiehlt unser König und Herr?' Im ersten Augenblick stutzte der
Prinz, aber er faßte sich bald und sprach: 'Es soll der schönste
Wagen an den Wald fahren und meine Mutter abholen.' Die Diener verneigten sich
und eilten fort. Jetzt sah er sich weiter in dem hohen Saale um und fand in
einer Ecke ein Bett, das stand hinter einem Vorhang und darin schlief ein alter
Mann mit grauen Haaren, aber mit einem falschen Gesicht, aus welchem man nicht
viel Gutes herauslas. Der Prinz versuchte ihn zu wecken, aber der Greis brummte
nur so etwas in den weißen Bart hinein, dann wandte er sich auf die
andere Seite und schlief wieder ein. Jetzt kam seine Mutter an und freute sich
recht über das schöne Schloß, darin sie nun wohnen sollte, aber
in ihrem bösen Herzen brütete sie über der Rache und dachte Tag
und Nacht nur nach, wie sie den guten Prinzen verderben könne. Sie that
aber nur um so freundlicher gegen ihn und sagte ihm jeden Tag aufs neue vor,
wie sie so glücklich sei, einen solchen Sohn zu haben und daß sie
ihn mehr liebe, als Alles in der Welt.
Als der Prinz schon ein paar Tage in dem Schlosse gewesen war, ging er eines
Tages auf dem Wall spazieren. Da hörte er ein jämmerliches Aechzen
und Stöhnen, das lautete grade, als käme es aus der Erde. Er schwang
sein Schwert, da kamen die Diener und er frug sie, woher diese Töne
kämen und wer also ächze. Die Diener sprachen: 'Wir wissen es nicht,
das weiß nur der Greis, welcher in dem Saale schläft, denn er hat
die Schlüssel zu den unterirdischen Gängen.' Der Prinz befahl ihnen,
den Greis zu holen, allein der wollte nicht hervor, bis der Prinz ihm drohen
ließ, er werde ihn mit Gewalt holen lassen. Da kam er und brachte ein
Bund Schlüssel. Er rückte an einem Stein in der Mauer, da erschien
eine kleine Thüre, welche er aufschloß und die in einen dunkeln Gang
führte. 'Geht nun hinein' sprach er mürrisch zu dem Prinzen, doch
dieser hütete sich wohl und zwang den Greis, voran zu gehn. Je weiter sie
in dem Gange kamen, um so näher lautete das Aechzen. Endlich, standen sie
vor einer zweiten eisernen Thür und als der Greis auch diese
aufschloß, war da ein halbfinsteres Loch, worin das schmuzige Wasser und
alle Unreinlichkeit aus dem Schlosse zusammenfloß. In diesem
schrecklichen Aufenthalt saß ein Mädchen, dem die Kleider am Leibe
fast verfault waren. AIs es den Greis erblickte, rief es: 'Gehe nur weg oder
gib mir den Tod, damit meine Qualen ein Ende nehmen.' Da trat der Prinz hervor
aus dem dunkeln Gange, und befahl dem Greise, das Mädchen
herauszuführen. Er zögerte Anfangs, aber da hob der Prinz sein
Schwert und nun folgte er dem Befehl. Die Jungfrau aber rief flehentlich: 'Ach
führet mich nicht an das Licht des Tages, bevor ich Kleider habe, oder
lasset mich hier sterben.' Der Prinz tröstete sie mit freundlichen Worten
und sprach: 'Ihr seit gerettet aus eurer Höhle, und sollt Alles haben, was
ihr begehrt.' Dann trieb er den Greis ins Schloß zurück und schickte
der Jungfrau zwei Dienerinnen mit Wasser zum Waschen, mit schönen Kleidern
und mit guter kräftiger Nahrung, damit sie sich ein wenig erhole. Ueber
eine Weile trat sie aus dem dunkeln Gang hervor und wie war sie so schön.
Ihre Haare waren so goldig, als ob sie der Sonne ihre Strahlen genommen
hätte, um ihr Haupt damit zu zieren und ihre Augen waren so blau, wie der
Himmel am Abend, ihr Gesicht war aber grade, als ob es mit Lilien und Rosen
bemalt wäre. Der Prinz war so entzückt, als er sie sah, daß er
sich nicht halten konnte und auf sie zueilte, um ihr die Hand zum freundlichen
Gruße zu bieten. Er nahm sie mit sich in das Schloß, da frug er
sie, woher sie sei und wie sie in das schreckliche Gefängniß komme.
Sie erzählte ihm: 'Ich bin eine Königstochter und meines Vaters
Königreich liegt weit jenseits der See. Eines Tages ging ich mit meinen
Dienerinnen am Ufer der See spazieren, da kam plötzlich ein Schiff mit
Seeräubern, welche mich raubten und auf ihr Schiff schleppten. Sie
verkauften mich dem falschen Greis, welcher damals in diesem Schlosse herrschte
und dieser ließ mir nun Tag und Nacht keine Ruhe und wollte, ich solle
seine Gemahlin werden. Als ich aber seine Hand verschmähte und nichts mit
ihm wissen wollte, da warf er mich in jenes schreckliche Loch, wo er mir nur
alle drei Tage Brod und Wasser brachte und mich dabei fragte, ob ich meinen
Sinn bald ändere. Da ich das nicht wollte, so ließ er mich dort, bis
ich in den Zustand kam, in welchem ihr mich gefunden habt.' Da nun Mitleid und
Liebe gute Freundschaft halten und der Prinz schon gleich als er sie gesehen
für sie eingenommen war, so entbrannte er nun in heißer Liebe zu ihr
und sprach: 'Habet ihr des Greises Hand verschmäht, so biete ich euch nun
die meine an, denn ohne euch kann ich nicht mehr leben und wenn ihr nicht meine
Gattin werden wollt, so will ich nie eine andere Frau.' Der schönen
Prinzessin gefiel der Prinz besser als der Greis, sie sprach in ihrer Unschuld:
'Ich habe euch so lieb, daß ich nie einen andern zum Gemahl möchte,
als euch.' Da küßten sie einander und sprangen fröhlich herum
und zu der alten Königin. Der war es natürlich ein Stich durchs Herz,
als sie das hörte und jetzt haßte sie den Prinzen doppelt und
dreifach. Sie sprach mit heuchlerischer Miene: 'Ach wie freue ich mich,
daß du eine so schöne und tugendhafte Jungfrau gefunden hast, mein
Sohn, und ich eine so schöne Schwiegertochter. Wenn mir selbst das
größte Glück auf der Welt zugefallen wäre, könnte ich
nicht so froh sein, wie ich jetzt bin. Nun macht auch bald Hochzeit, meine
lieben Kinder, ich sorge für Alles; seit nur recht glücklich, dann
bin ich es auch.' Und sie umarmte den Prinzen und die schöne Jungfrau und
drückte sie an sich, aber heimlich dachte sie in ihrem Herzen: Wartet nur,
ich wills euch eintränken! Da sprach die Jungfrau: 'Die Hochzeit halten
wir nicht hier, die muß bei meinen Aeltern gefeiert werden, nach denen
ich mich gar sehr sehne und die um mich in großen Sorgen sind. Lasset
mich zu ihnen gehn, dann kommt mein Bräutigam nach.' Die Königin
sprach: 'Jetzt habe ich dich noch lieber, weil du eine so liebevolle Tochter
bist. Thue also; binnen Jahr und Tag komme ich mit meinem lieben Sohne dir nach
und wir feiern die Hochzeit in Lust und Freuden.' Heimlich dachte sie aber:
'Bist du nur erst aus dem Wege, mit ihm will ich schon fertig werden. Rasch
ließ der Prinz ein Schiff ausrüsten und binnen drei Tagen fuhr die
Prinzessin ab. Die alte Königin aber hatte den Schiffscapitän
bestochen, er müsse machen, daß ihn die Prinzessin heirathe, gehe es
nun wie es wolle.
Als das Schiff auf hoher See war, kam der Capitän zu ihr und wollte ihre
Liebe und Gunst gewinnen, aber sie wies ihn erzürnt zurück. Da sprach
er: 'Eins von Beiden mögt ihr euch wählen: wollt ihr mich zum Mann
und dem König eurem Vater sagen, ich habe euch gerettet, oder wollt ihr
ins Meer geworfen werden? Ihr habt drei Tage Bedenkzeit.' Als sie wieder allein
war, warf sie sich auf ihre Kniee nieder und bat Gott um Rettung aus dieser
neuen Noth und Gefahr. Da kam ihr ein guter Gedanke und als der Capitän am
dritten Tage wieder vor sie trat und frug, wozu sie nun entschlossen sei,
sprach sie: 'Jahr und Tag will ich Frist haben, dann mag die Hochzeit sein.'
Damit war der Capitän zufrieden. Als sie ans Land kamen führte er sie
zu ihren Aeltern, erzählte ihnen, wie er sie aus einer finstern Höhle
gerettet habe und begehrte ihre Hand. Der König und die Königin waren
so froh, ihr Kind wieder zu haben, daß sie alsbald einwilligten, und
über Jahr und Tag sollte die Hochzeit gehalten werden. Da sprach die
Jungfrau: "Als ich in meiner Höhle lag habe ich ein Gelübde
gethan, das muß ich jetzt halten. Ich habe gelobt, wenn ich erlöst
würde, Jahr und Tag ein Wirthshaus an offener Straße zu halten,
darin sollte jeder arme Wanderer und Pilger ein freies Unterkommen finden und
ich selber wolle sie bedienen.' Der König war sehr dagegen, sprach, das
schicke sich nicht für eine Prinzessin aus königlichem Stamme, aber
die Königin sagte: ' Was man Gott dem Herrn verspricht, das darf man nicht
brechen, sonst folgt die Strafe auf dem Fuße. Richte ihr ein Wirthshaus
ein und laß sie darin hanthieren, wie sie gelobt hat, es wird ihr Schaden
nicht sein.' Da wurde das Wirthshaus gebaut und mancher arme Reisende und
Pilger fand da Labung und segnete die fromme Königstochter und betete zu
Gott, daß er es ihr lohnen möge. Jetzt wollen wir sie in dem
Wirthshaus lassen und sehen, wie es dem Prinzen erging.
Als die Prinzessin weg war und die falsche Königin gar nicht wußte,
wie sie den Prinzen verderben könne, offenbarte sie sich zuletzt dem
Greise und der war gleich bei der Hand, ihr dabei zu helfen, nur mußte
sie ihm versprechen, seine Gemahlin zu werden und das that sie gern. Er
sprach': 'Siehe zu, daß er in die Löwengrube gehe, welche in dem
Schloßgraben ist, dann werden ihn die Löwen zerreißen.' Da
legte sich die Königin auf ihr Bett und that, als sei sie todkrank. Der
Prinz war in tiefer Bekümmerniß um sie und frug eines über das
anderemal, womit ihr wohl geholfen werden könne? Sie sprach: 'Ach lieber
Sohn mir kann geholfen werden, aber es ist Gefahr dabei und du konntest leicht
dabei zu Schaden kommen, da möchte ich jedoch lieber sterben, als
daß dir etwas zu Leide geschähe.' 'Ich kenne keine Gefahr, liebste
Mutter,' sprach der Prinz, 'wenn es um dein Leben geht.' Sie antwortete: 'Was
bist du für ein guter Sohn. So will ich es dir denn sagen: Wenn ich eins
von den Löwenwelpen an meine Brust lege, dann zieht die Kraft in mich
hinein und ich werde in Zeit von einem Tage gesund.' Der Prinz lief auf der
Stelle zu der Löwengrube, trat unerschrocken hinein und da ein Löwe
edelm Blut kein Leid anthut, so ließen ihn die alten Löwen ruhig
gewähren. AIs er ein Junges faßte, da brüllte die Löwin
und erhob sich, doch der Prinz sah sie mit einem so scharfen Blick an,
daß sie sich augenblicklich wieder hinlegte. Die Königin setzte den
jungen Löwen an ihre Brust und rief: 'Ich fühle ordentlich, wie ich
neue Kraft bekomme, jetzt bin ich gerettet.' Als der Löwe aber nicht ruhig
blieb und seine Krallen ausstreckte, schrie sie: 'Es ist jetzt gut, nimm ihn
weg und mache ihn todt, ich kann ihn nicht länger an mir leiden.' Der
Prinz nahm den Löwen und sprach: 'Warum sollte ich das arme Thierchen
tödten, da es doch meiner lieben Mutter Leben gerettet hat? Ich will es
seiner Mutter heimbringen, wie ich es ihr genommen habe.' So trug er den jungen
Löwen wieder in die Grube zurück und die alte Löwin brüllte
laut vor Freude, als sie ihr Welpchen wieder hatte.
Da dieser Plan also fehlgeschlagen war, berieth die Königin wieder mit dem
Greise, wie sie den Prinzen verderben könnten und der Greis sprach: ' Es
gibt nur ein Mittel, du mußt ihm das Hemd ausziehen, dann hat er keine
Kraft mehr, das Schwert zu schwingen und wir werden seiner bald Meister.' Die
Königin lud eine Menge von Gästen zu sich ein, ging zu dem Prinzen
und sprach: 'Da du mich vom Tode gerettet hast, lieber Sohn, so habe ich dir zu
Ehren ein großes Mahl anstellen lassen, komm nun und setze dich neben
mich, damit wir uns zusammen freuen. Der Prinz folgte ihr hocherfreut zu dem
Saal, wo die Gäste schon beisammen waren. Als er nun gegen Ende des Mahles
recht eifrig mit den Gästen sprach, goß sie rasch einen Schlaftrunk
in seinen Becher. Dann hob sie ihr Glas und rief: 'Mein lieber Sohn soll leben,
der mich vom Tode gerettet hat.' Da nahm er seinen Becher und trank ihn in
einem Zuge leer. Bald darauf gingen die Gäste nach Hause, der Prinz aber
fühlte sich gar müde und legte sich zu Bette, wo er bald fest
einschlief. Nun schlich die Königin mit dem Alten in das Zimmer, da zogen
sie ihm das weiße Hemd aus und der Alte zog es an. Dann nahm dieser ein
Messer, gab es der Königin und sprach: ' Nun stich ihm das linke Auge
aus.' Sie that es, der Alte grub ihm das rechte Auge auch noch aus und dann
warfen sie ihn in die Löwengrube.
Durch den Schmerz war der Prinz sogleich erwacht und hatte wohl gesehn, wie
groß die Falschheit seiner Mutter war und auch gehört, wie der Alte
über ihn triumphirte. Als er fühlte, daß man ihn in die
Löwengrube warf, war er froh, denn er glaubte nicht anders, als die
Löwen würden ihn sofort verschlingen und das wäre ihm recht
gewesen, denn er war des Lebens gar satt. Das geschah aber nicht, sondern die
Löwin kam zu ihm und brüllte so recht traurig und die
Löwenwelpen kamen und lekten ihm die Augen, bis sie ganz heil waren. Jeden
Tag brachte die Löwin ihm ein Stück Fleisch, das legte sie auf seine
Kniee und er nahm es und aß es roh, das war seine ganze Nahrung. Das
Fleisch holten sich die Löwen aber durch einen Erdgang, der lief aus der
Löwengrube in den Wald. Als der Prinz nun eines Tages so in der Grube
herumtappte, entdeckte er den Gang und kroch hinein. Lange spürte er nur
eine dumpfe, schwere Luft, dann aber wurde ihm das Athmen immer leichter und
endlich merkte er, wie sich der Gang erweiterte, wie frische Waldluft ihn
anwehte. Er hörte die Vöglein in den Bäumen singen, die Hirsche
und Rehe springen und fühlte die Sonne warm auf sein Angesicht scheinen.
Er dankte Gott auf den Knieen für seine Rettung und schaffte sich dann
weiter, so gut es eben ging. Gegen Abend rauschte es in der Ferne, darauf ging
er zu und gelangte also an das große Weltmeer. Dort hatte grade ein
Schiff angelegt, um frisches Wasser einzunehmen. Als der Schiffscapitän
ihn sah, dauerte ihn der arme blinde Jüngling, der so verlassen da herum
schlich und er frug ihn, ob er mitfahren wolle? 'Ja das will ich gern, denn
hier müßte ich ja Hungers sterben,' sprach der Prinz und stieg in
das Schiff, wo ihn der gute Capitän auf das Beste hielt und pflegte, so
daß er von Tag zu Tage frischern Muthes wurde. Als das Schiff anlegte,
nahm er unter vielem Dank von dem Capitän Abschied und schlich auf der
Landstraße weiter.
Eines Tages kam er an eine große Stadt. Vor dem Thore rief eine Frau:
'Kommt herein in mein Haus, hier werden alle armen Reisenden und Pilger
gepflegt.' Er streckte seine Hand aus und ließ sich in das Haus
führen, wo er ein gutes Essen und ein prächtiges Bett bekam. Ehe er
schlafen ging, kam die Frau, setzte sich zu ihm und sprach: 'Erzählt mir
jetzt eure Geschichte, das ist meine Bezahlung.' 'Die möchte ich lieber
verschweigen,' antwortete der Prinz, 'denn sie ist sehr traurig, aber wenn ihr
sie hören wollt, so erzähle ich sie.' Und nun sing er an und legte
ihr Alles auseinander, wie es ihm ergangen war. Die Wirthin wurde immer
aufmerksamer, als er aber daran kam, wie er die schöne Jungfrau aus dem
Loche erlöst und sich mit ihr verlobt hatte, da schloß sie ihn in
ihre Arme und rief unter blutigen Thränen: 'O mein lieber Bräutigam,
ach daß ich dich also wiederfinden muß!' Wie war das eine so
große Freude und dabei eine so tiefe Betrübnis, als er ihr
erzählte, wie seine Mutter und der falsche Greis an ihm gehandelt hatten.
Die schöne Jungfrau konnte ihrer Thränen nicht Herr werden, wenn sie
ihn ansah und die eingesunkenen leeren Augenhöhlen erblickte. Als er seine
Erzählung zu Ende hatte, ließ sie ihn schön kleiden,
führte ihn zu ihrem Vater und sprach: 'Lieber Vater, heut ist mein
schönster Lebenstag, denn der liebe Gott hat mir meinen rechten
Erlöser und einzigen Bräutigam wiedergegeben;' und sie ließ ihn
dem Könige die ganze Geschichte erzählen. Der König glaubte ihm
zwar, doch da die erste Freude des Wiedersehens seiner Tochter vorüber
war, so ärgerte er sich, daß sie einen blinden Prinzen heirathen
wollte. Jedenfalls war ihm der Jüngling als Prinz lieber, als der
Schiffscapitän, darum that dieser wohl, sich sogleich aus dem Staube zu
machen, als die Sache bekannt wurde. Nun wurde in einer abgelegenen Gegend des
Schloßgartens ein kleines Schloß gebaut, die Hochzeit des Prinzen
mit der Prinzessin ganz heimlich gefeiert und dann zogen sie in das
Schlößchen und bekamen nichts als das Essen von dem Könige;
ihre Kleider mußten sie sich selber stellen, daran spann und webte die
Prinzessin Tag und Nacht.
Die Hofherren ärgerten sich aber nicht wenig über diese Heirath, denn
der Prinz konnte ihnen keine großen Gastmähler geben, worauf sie
sehr viel hielten, und Bälle und Tanzbelustigungen wurden gleichfalls
keine gehalten, worauf ihre Frauen sehr viel gaben. Zudem wollte es ihnen nicht
gefallen, daß sie einmal von einem blinden König regiert werden
sollten. Sie verschwuren sich also, sie wollten das Schlößchen, wo
der Prinz mit seiner Frau wohnte in die Luft sprengen, und das sollte bald
geschehen.
Eines Abends gingen die Beiden aus ihrem Schlößchen in ihr kleines
Gärtchen, wo sie der frischen Kühle genießen wollten, und
setzten sich unter einen hohen Lindenbaum. Da zog der Prinz sein Einziges vom
Finger, was er aus seinem Schloß gerettet hatte, den goldnen Ring und
steckte ihn in den Mund, denn er wollte sich einen Zeitvertreib machen und
hören, was sich die Vögel wohl erzählten. Da flogen drei
Krähen auf den Lindenbaum, die fingen an zu schwätzen und die erste
sprach: 'Ich weiß etwas, wenn ihr das wüßtet!' 'Was ist das
denn?' fragten die beiden andern, 'wir wissen auch etwas.' 'Drüben beim
Schultheiß ist ein Pferd gefallen, das wird ein köstliches Aas, ah
das soll mal schmecken,' sprach die erste Krähe. Da begann die zweite und
sprach: 'Ich weiß etwas andres, wenn das die zwei wüßten, die
da unterm Baume sitzen, dann säßen sie nicht da.' 'Was ist das?'
fragten die beiden andern. 'Diesen Abend um zehn Uhr wird das
Schlößchen, worin sie wohnen, in die Luft gesprengt, das haben die
Hofherren ihnen gebraut.' Nun sprach die dritte Krähe: 'Ich weiß
etwas, wenn das der blinde Prinz da drunten wüßte, der wäre
erst froh!' 'Was ist das?' fragten die beiden andern. ' Diese Nacht zwischen
elf und zwölf Uhr fällt ein Thau vom Himmel, wer sich damit die Augen
bestreicht, der wird auf der Stelle sehend. Nun kommt zu dem todten Gaul, bevor
ihn andre holen.' Da erhoben sie sich wieder und flogen weg.
Der Prinz steckte seinen Ring wieder an und sprach zu seiner Frau: 'Komm, wir
wollen ein Stückchen weiter in den Wald hinein gehn, der Abend ist ja so
schön.' Da folgte sie ihm. Als sie kaum eine Viertelstunde weit waren,
blitzte es plötzlich und dann thats einen Knall, als wenn tausend Kanonen
auf einmal losgeschossen würden. Die Prinzessin erschrak, so daß sie
fast ohnmächtig zusammen gesunken wäre; als der Prinz ihr aber die
ganze Geschichte erzählte, da freute sie sich und beide dankten Gott
für ihre Lebensrettung, und legten sich unter einem Baum im Walde zur Ruhe
nieder. Die Prinzessin entschlummerte bald, der Prinz aber wachte. Als es gegen
die zwölfte Stunde ging, tastete er im Grase umher und strich sich den
Thau zusammen, damit wusch er sich die Augen. Je mehr er wusch, um so heller
wurde es vor ihm und als er dreimal gewaschen hatte, da sah er den Mond wieder,
wie seine Strahlen durch die Bäume fielen, und sah seine liebe Frau
wieder, wie sie so wunderschön im Mondenschein dalag. Er küßte
sie vor lauter Wonne, da erwachte sie und schaute ihren Mann an und fast
hätte sie ihn nicht wieder erkannt, so klar und schön glänzten
seine Augen sie an. Jetzt füllte er auch seine Wasserflasche noch mit dem
Thau und hing sie um, denn er dachte: Wer weiß ob ich's nicht einmal
gebrauchen kann. Also wuchs ihnen aus großem Unglück ein noch viel
größeres Glück und sie waren nun überreich bei ihrer
größten Armuth. Aber sie sollten noch viel größere Leiden
ertragen und die Zeit ihrer Prüfung war noch nicht zu Ende.
Sie gingen am Morgen immer weiter im Walde fort und nährten sich von
Wurzeln und Kräutern. Da die Prinzessin des Gehens aber ungewohnt war, so
wurde sie bald müde und gegen Mittag setzte sie sich unter eine Eiche,
legte ihren Kopf in den Schoos des Prinzen und schlief ein. Er betrachtete sie
mit wonniglichen Blicken, wie sie in Schönheit strahlte; da sah er an
ihrem Halse ein Säckchen an einer Schnur hängen und als er es
öffnete, fand er darin einen Karfunkelstein, der gefiel ihm so gut,
daß er leise die Schnur löste und ihn lange betrachtete. Er
hätte ihn aber auch gern einmal in der Sonne spielen sehen, darum legte er
ihn neben sich ins Gras, hob sanft der Prinzessin Haupt von seinem Schooß
und legte es auf ein Kissen von Laub und Moos, welches er eilig zurecht machte.
Als er aber wiederum nach seinem Steine langen wollte, hatte ein Rabe ihn
genommen und spielte damit. Er sprang dem Raben nach, da flog derselbe auf und
setzte sich weit weg auf einen Baum. Der Prinz verfolgte ihn, und warf mit
Steinen nach ihm, da sprang der Rabe von Ast zu Ast und von Baum zu Baum, bis
er zuletzt im Gebüsch verschwand. Betrübt suchte der Prinz den
Rückweg auf, aber er fand ihn nicht und verirrte sich immer tiefer in den
Wald hinein und wurde immer trostloser. Da kam ein feiner Herr des Weges daher,
den frug er nach dem Baume, worunter er seine liebe Frau im Schlafe hatte
liegen lassen. Der Herr wußte ihm aber keinen Rath und sprach: 'Solcher
Bäume gibts tausend im Walde, den findest du nicht wieder. Geh mit mir und
du sollst es nicht schlecht haben.' Da folgte er dem Herrn zu einem
schönen weißen Waldhause, darin saßen elf Bursche an einem
reichgedeckten Tische und ließen sichs wohl sein. Der Herr sprach: 'Nun
ist eure Zahl voll, jetzt seit ihr zwölf. Ihr bleibt nun Jahr und Tag hier
und sollt Alles vollauf haben, aber am Ende des Jahres müßt ihr mir
drei Räthsel lösen. Wer das kann, bekommt einen Geldbeutel, der nie
leer wird, wer es aber nicht kann, der muß sterben.' Da jubelten die elf
Bursche und ließen den Herrn hoch leben und sie jubelten also fort das
ganze Jahr hindurch. Oft riefen sie dem Prinzen, er solle Theil an ihrer
Lustbarkeit nehmen, aber der war still und in sich gekehrt, aß und trank
wenig, sprach noch weniger, aber dachte ohne Unterlaß an seine arme Frau.
Jetzt wollen wir sehen, wie es mit ihr ergangen ist.
Als sie erwachte und ihren Mann nicht fand, rief sie ihm lange und
natürlich vergebens. Da fühlte sie plötzlich, daß ihr das
Söckchen am Halse fehle. Ach sollte er mir den Stein geraubt haben und
damit entflohen sein? dachte sie, und was konnte sie auch anders denken? Der
Gedanke betrübte sie gar zu sehr und wäre sie nicht so fromm gewesen,
sie hätte sich den bittern Tod angethan. Nun aber gab sie ihr trauriges
Schicksal in des Himmels Hand und ging weiter im Walde gar mühsame Wege,
bis sie an das Meer kam. Da lag ein Schiff vor Anker, das nahm sie um
Gotteswillen auf und setzte sie nach vielen Wochen in einem fremden Lande an
das Ufer. Sie ging und ging, bis sie in der Ferne ein Schloß sah und als
sie näher kam, erkannte sie, daß es das Schloß war, wo der
Prinz sie gerettet hatte. Da wurde sie frohen Muthes, denn sie dachte ihr Mann
werde wieder dort sein und wenn er sie wieder sehe, könne er sie ja nicht
verstoßen. Also ging sie in das Schloß und fragte nach dem Prinzen;
die Diener wollten ihr eben sein trauriges Schicksal erzählen, da kam die
Königin hinzu und erkannte sie. 'Ei bist du hier und was hast du denn hier
zu suchen?' frug das böse Weib; da erzählte die Prinzessin, wie sie
ihren Mann suche, den sie im Walde verloren habe. 'Komm mit herein, sprach die
Königin; als die Prinzessin ihr folgte, schloß sie schnell die
Thür ab und rief den Greis. Sie faßten die Prinzessin, gruben ihr
Abends die Augen aus und warfen sie in die Löwengrube. 'Da kannst du
deinen Mann suchen,' riefen sie ihr nach und verhöhnten sie. Die
Löwen fraßen sie aber nicht, sondern die jungen Löwen leckten
ihr die Augen heil und die Alten brachten ihr Nahrung, so daß sie am
Leben blieb.
Unterdessen war das Jahr in dem Waldhause fast verstrichen und die elf Bursche
dachten nicht einmal an die drei Räthsel; um desto mehr dachte der Prinz
daran und sann und sann, was es wohl sein könne, aber er konnte nichts
herausfinden. Eines Abends setzte er sich in den Wald unter eine Eiche, da
flogen drei Atzeln heran und ließen sich in dem Laub der Eiche nieder.
Was mögen die wohl schwatzen? dachte der Prinz, legte seinen Ring unter
die Zunge und horchte ihnen zu. "Heisa ihr Brüder!' rief die Eine,
'morgen gibts einen Festtag für uns, elf fette Handwerksburschen und einen
magern Prinzen.' 'Wie meinst du das?' fragte die Zweite. 'Morgen müssen
sie die drei Räthsel lösen und sie wissen nicht eins davon,' sprach
die Dritte. 'Wißt ihr sie denn?' fragte die Zweite und da schrieen die
beiden andern: 'Ja, ja, ich will sie sagen, nein ich will sie sagen.' 'Fang du
an,' sprach die Zweite und die Erste begann: 'Das eine Räthsel ist, wovon
das Haus gebaut sei, das andere, woher sie das Essen gehabt hatten und das
dritte, warum es in dem Hause nie Nacht werde?' 'Nun rathe du sie,' sprach die
Zweite und die Dritte plapperte: 'Das Haus ist von Armesünderknochen
gebaut, das Essen kommt von des Königs Tafel und das helle Tageslicht im
Hause von dem Karfunkelstein, welchen der Zauberer als Rabe dem armen Prinzen
im Walde gestohlen hat und der nun an der Decke hängt.' AIs sie so
geplappert hatten, hoben sie die Flügel und flogen weiter. Der Prinz aber
erfreut legte sich zum erstenmal seit einem ganzen Jahre ruhig schlafen.
Am andern Morgen tafelten und spielten die elf Bursche wieder, da kam der Herr
durch den Wald daher und rief schon von weitem: 'Nun ihr Bursche, stellt euch
in Reih und Glied, jetzt müßt ihr die Räthsel lösen.' Die
Elf folgten gutes Muthes, der Prinz stellte sich ans Ende. Der Herr frug:
'Woraus ist das Haus gebaut?' 'Ei von Backstein' sagte der Erste, 'von
Bruchstein' der Zweite, 'von Lehm und Holz' der Dritte und so weiter bis es an
den Prinzen kam, der sprach: 'Von Armesünderknochen.' 'Du hasts gerathen'
sagte der Herr. 'Jetzt sagt mir weiter, woher kam euer Essen?' 'Aus der
Garküche,' schrieen alle elf, aber der Prinz sagte: 'Von des Königs
Tafel.' 'Du hasts gerathen' sagte der Herr. 'Nun sagt mir zum Dritten, warum
war euer Haus bei der Nacht so hell, wie bei Tage?' 'Von einer Lampe' schrieen
die Elf zugleich, aber der Prinz sprach: 'Von dem Karfunkelstein, den du mir
als Rabe gestohlen hast und der an der Decke hängt.' 'Du hasts gerathen
und hier ist dein Geldbeutel, der nie leer wird,' sprach der Herr und gab ihm
den Beutel, den Elfen aber schlug er die Köpfe ab. Unterdessen ging der
Prinz in das Haus und nahm den Karfunkelstein wieder, dann wanderte er feines
Weges weiter im Walde fort, bis er an das Meer kam. Dort ging er weiter bis zur
nächsten Seestadt, miethete sich ein Schiff und fuhr nach dem
Schloß, wo seine Mutter zurückgeblieben war. Habe ich bei allem
Unglück so viel Glück gehabt, dachte er, wer weiß ob ich das
Schloß nicht wieder gewinne und meine Frau dazu.
Es war dunkler Abend, als das Schiff in der Nähe des Schlosses vor Anker
ging. Er verkleidete sich in einen Matrosen, stieg ans Land, und ging auf das
Schloß zu. Leise schlich er hinein und auf den Boden. Als Alles im
Schlafe lag, stieg er auf das Dach und ließ sich durch einen Schornstein
in das Zimmer hinab, wo er den Greis schlafend gefunden hatte. Das Erste was er
sah, war das weiße Hemd, welches auf dem runden goldnen Tische lag. Er
zog es an, faßte das Schwert, welches an der Wand hing und durchsuchte
das Zimmer; da lag der Greis in demselben Bette, wie das Erstemal und bei ihm
die Königin. Dreimal schwang der Prinz das Schwert, da stürzten die
Diener herein und begrüßten ihn freudig als ihren König und
Herrn. 'Bindet die Beiden zusammen und werfet sie in einen Käfig, wo sie
gleich Vieh gehalten werden sollen!' rief der Prinz und es geschah. Die
Königin suchte zwar wieder durch neue Lügen und Ränke den
Prinzen zu bestricken, aber es gelang ihr nicht; sie wurde gebunden in den
Käfig geworfen.
Das Erste was die Diener ihm sagten, war, daß die Prinzessin da gewesen
sei und nach ihm gefragt habe. Da hob sich sein Herz in neuer Hoffnung. Er
ließ die Königin fragen, wo die Prinzessin geblieben sei, aber sie
wollte es nicht sagen und vergebens wurde in dem alten Loche gesucht. In seiner
Betrübnis kam ihm da der Gedanke, er wolle sich den guten Löwen
dankbar beweisen und ihnen einmal eine reichliche Mahlzeit geben. Es wurden
Ochsen und Rinder geschlachtet und die Diener mußten ihm das Fleisch in
großen Mulden nachtragen. So ging er zum Löwenzwinger, um es ihnen
selbst zu geben. Aber ach du Jammer, als er die Thür öffnete und
seine liebe Frau blind in der Löwengrube wiederfand. Er stürzte auf
sie zu und schloß sie in seine Arme und das war wieder einmal viel
Unglück bei viel Glück. Er führte sie sogleich mit sich in das
Schloß, da wusch er vor Allem ihre Augen mit dem Thau, welchen er einst
in der Flasche gesammelt hatte und wie lachte sie ihn da so seelig an! Jetzt
war Beider Glück vollkommen und er gab ein Fest nach dem andern zur Feier
ihres Wiedersehns. Dann schrieb er seinem Vater Alles nach der Ordnung, wie es
sich begeben hatte und reiste mit seiner lieben Frau zu dem alten König;
den Käfig mit der Königin und dem Greise ließ er nachkommen und
übergab Beide seinem Vater zur Bestrafung. Da wurden sie auf einem
Scheiterhaufen öffentlich verbrannt. Der Prinz aber folgte seinem Vater in
der Regierung, erbte später auch das Königreich seiner Frau und da an
dem Schloß auch ein Königreich hing, so war er Herr über drei
Königreiche.
Johann Wilhelm Wolf 1817 - 1855
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