Maerchen.com  
Impressum
 

Ludwig Bechstein: Vom Schwaben, der das Leberlein gefressen
 Deutsches Märchenbuch ( 1847 )

Vom Schwaben, der das Leberlein gefressen

Als unser lieber Herr und Heiland noch auf Erden wandelte, von einer Stadt zur andern, das Evangelium predigte und viele Zeichen that, kam zu ihm auf eine Zeit ein guter einfältiger Schwab, und fragte ihn: "Mein Leiden-Gesell, wo willt Du hin?" Da antwortete ihm unser Herrgott: "Ich ziehe um, und mache die Leute selig." So sagte der Schwab: "Willt Du mich mit Dir lassen?" - "Ja," antwortete unser Herrgott, "wenn Du fromm sein willt und weidlich beten." Das sagte der Schwab zu. Als sie nun mit einander gingen, kamen sie zwischen zwei Dörfer, darinnen läutete man. Der Schwab, der gern schwatzte, fragte unsern Herrngott: "Mein Leiden-Gesell, was läutet man da?" Unser Heiland, dem alle Dinge wissend waren, antwortete: "In dem einen Dorfe läutet man zu einer Hochzeit, in dem andern zum Begängniß eines Todten." - "Gang Du zum Todten!" sprach der Schwab, "so will ich zur Hochzeit gehn."
Darauf ging unser Herrgott in das Dorf und machte den Todten wieder lebendig, da schenkte man ihm hundert Gulden. Der Schwab that sich auf der Hochzeit um, half einschänken, einem Gast um den andern, und auch sich selbst, und als die Hochzeit zu Ende war, da schenkte man ihm einen Kreuzer. Das war der Schwab wohl zufrieden, machte sich auf den Weg und kam wieder zu unserm Herrgott. Alsbald, wie der Schwab diesen von Weitem sahe, hub er sein Kreuzerlein in die Höhe und schrie: "Lug, mein Leiden-Gesell! Ich hab Geld; was hast denn Du?" trieb also viel Prahlens mit seinem Kreuzerlein. Unser Herrgott lachet seiner, und sprach: "Ach, ich hab' wohl mehr als Du!" that den Sack auf und ließ den Schwaben die hundert Gulden sehen. Der aber war nicht unbehend, warf geschwind sein armes Kreuzerlein unter die hundert Gulden, und rief: "Gemein, gemein! Wir wollen alles gemein mit einander haben!" Das ließ unser Herrgott gut sein.
Nun als sie weiter mit einander gingen, begab es sich, daß sie zu einer Heerde Schafe kamen, da sagte unser Herrgott zum Schwaben: "Gehe, Schwab, zu dem Hirten, heiße ihm uns ein Lämmlein zu geben, und koche uns das Gehänge oder Geräusch zu einem Mahle." "Ja!" sagte der Schwab, that, wie ihm der Herr geheißen, ging zum Hirten, ließ sich ein Lämmlein geben, zog's ab und bereitete das Gehänge zum Essen. Und im Sieden da schwamm das Leberlein stets empor; der Schwab drückt's mit dem Löffel unter, aber es wollte nicht unten bleiben, das verdroß den Schwaben über alle Maßen. Nahm deshalb ein Messer, schnitt das Leberlein, dieweil es gahr war, von einander und aß es. Und als nun das Essen auf den Tisch kam, da fragte unser Herrgott, wo denn das Leberlein hingekommen war? Der Schwab aber war gleich mit der Antwort bei der Hand, das Lämmlein habe keines gehabt. "Ei!" sagte unser Herrgott: "wie wollte es denn gelebt haben, ohne ein Leberlein?" Da verschwur sich der Schwab hoch und theuer: "Es hat bei Gott und allen Gottes-Heiligen keines gehabt!" Was wollte unser Herrgott thun? Wollte er haben, daß der Schwab still schwieg, mußt' er wohl zufrieden sein.
Nun begab es sich, daß sie wiederum mit einander spazierten, und da läutete es abermals in zwei Dörfern. Der Schwab fragte: "Lieber, was läutet man da?" - "In dem Dorf läutet man zu einem Todten, in dem andern zur Hochzeit," sagte unser Herrgott. "Wohl!" sprach der Schwab. "Jetzt gang Du zur Hochzeit, so will ich zum Todten!" (vermeinte, er wolle auch hundert Gulden verdienen). Fragte den Herrn weiter: "Lieber, wie hast Du gethan, oaß Du den Todten auferwecket hast?" - "Ja," antwortete der Herr, "ich sprach zu ihm, steh auf im Namen des Vaters, Sohnes und heiligen Geistes! Da stand er auf."- "Schon gut, schon gut!" rief der Schwab: "nun weiß ich's wohl zu thun!" und zog zum Dorfe, wo man ihm den Todten entgegentrug. Als der Schwab das sahe, rief er mit heller Stimme: "Halt da! Halt da! Ich will ihn lebendig machen, und wenn ich ihn nit lebendig mache, so henkt mich ohne Urtel und Recht!"
Die guten Leute waren froh, verhießen dem Schwaben hundert Gulden, und setzten die Bahre, darauf der Todte lag, nieder. Der Schwab that den Sarg auf, und fing an zu sprechen: "Steh auf im Namen der heiligen Dreifaltigkeit!" Der Todte aber wollte nicht aufstehen. Dem Schwaben ward angst, er sprach seinen Segen zum andern und zum dritten Mal, als aber jener Todte sich nicht erhob, so rief er voll Zorn: "Ei so bleib liegen in tausend Teufel Namen!" Als die Leute diese gottlose Rede hörten, und sahen, daß sie von dem Gecken betrogen waren, ließen sie den Sarg stehen, faßten den Schwaben und eileten demnächst mit ihm dem Galgen zu, warfen die Leiter an und führten den armen Schwaben hinauf.
Unser Herrgott zog fein gemachsam seine Straße heran, da er wohl wußte, wie es dem Schwaben ergehen werde, wollte doch sehen, wie er sich stellen würde, kam nun zum Gericht, und rief: "O guter Gesell, was hast Du doch gethan? In welcher Gestalt erblick ich Dich?" Der Schwab war blitzwild und begann zu schelten, der Herr hätte ihm den Segen nicht recht gelehrt. "Ich habe Dich recht belehrt," sprach der Herr. "Du aber hast es nicht recht gelernt und gethan, doch dem sei, wie ihm wolle. Willt Du mir sagen, wo das Leberlein hinkommen ist, so will ich Dich erledigen!" - "Ach!" sagte der Schwab, "das Lämmlein hat wahrlich kein Leberlein gehabt! Wes zeihest Du mich?" - "Ei Du willst's nur nicht sagen!" sprach der Herr. "Wohlan, bekenn es, so will ich den Todten lebendig machen!" Der Schwab aber fing an zu schreien: "Henket mich, henket mich! So komm' ich der Marter ab. Der will mich zwingen mit dem Leberlein, und hört doch wohl, daß das Lämmlein kein Leberlein gehabt hat! Henket mich nur stracks und flugs!"
Wie solches unser Herrgott hörte, daß sich der Schwab eher wollt henken lassen, als die Wahrheit gestehen, befahl er, ihn herab zu lassen, und machte nun selbst den Todten lebendig.
Als sie nun mit einander wieder von dannen zogen, sprach unser Herrgott zum Schwaben: "Komm her, wir wollen mit einander das gewonnene Geld theilen, und dann von einander scheiden, denn wenn ich Dich allewege und überall sollte vom Galgen erledigen, würde mir das zu viel." Nahm also die zweihundert Gulden und theilte sie in drei Theile. Als Solches der Schwab sahe, fragte er: "Ei Lieber, warum machst Du drei Theile, so doch unsrer nur zween sind?"- "Ja," antwortete unser lieber Herrgott, "der eine Theil, der ist mein; der andere Theil, der ist Dein, und der dritte Theil, der ist dessen, der das Leberlein gefressen hat!" Als der Schwab Solches hörte, rief er fröhlich aus: "So hab' ich's bei Gott und allen lieben Gottes Heiligen doch gefressen!" Sprach's und strich auch den dritten Theil ein, und nahm also Urlaub von unserm lieben Herrgott.


  Ludwig Bechstein 1801 - 1860



zurück

Des Märchens Geburt

Vom tapfern Schneiderlein

Das Märchen von den sieben Schwaben

Vom Schwaben, der das Leberlein gefressen

Die Probestücke des Meister-Diebes

Die verzauberte Prinzessin

Die Rosenkönigin

Der Teufel ist los

Der Schmied von Jüterbogk

Vom Zornbraten

Hansel und Grethel

Das Rebhuhn

Die Goldmaria und die Pechmaria

Hirsedieb

Des Teufels Pathe

Die Jagd des Lebens

Der goldne Rehbock

Das Nußzweiglein

Der alte Zauberer und seine Kinder

Gevatter Tod

Staar und Badewännelein

Die beiden kugelrunden Müller

Der Richter und der Teufel

Hans im Glücke

Die sieben Raben

Die drei Federn

Das Thränenkrüglein

Vom Hänschen und Grethchen, die in die rothen Beeren gingen

Die schöne junge Braut

Die Kornähren

Vom Hühnchen und Hähnchen

Die drei Hochzeitgäste

Das Märchen vom Mann im Mond

Die Königskinder

Der beherzte Flötenspieler

Gott Ueberall

Der Hase und der Fuchs

Der Hasenhüter

Der kleine Däumling

Der König im Bade

Tischlein deck dich, Esel streck dich, Knüppel aus dem Sack

Mann und Frau im Essigkrug

Der Zauber-Wettkampf

Die drei Gaben

Des kleinen Hirten Glückstraum

Goldener

Der Schäfer und die Schlange

Die drei Musikanten

Die drei Nüsse

Der Müller und die Nixe

Fippchen Fäppchen

Das Kätzchen und die Stricknadeln

Der Fuchs und der Krebs

Des Königs Münster

Des Hundes Noth

Die sieben Gaislein

Das Märchen vom Schlauraffenland

Das Märchen vom wahren Lügner

Die Perlen-Königin

Schneeweißchen

Der Mönch und das Vögelein

Die sieben Schwanen

Das Dornröschen

Vom Knäblein, vom Mägdlein, und von der bösen Stiefmutter

Schwan, kleb an

Der Garten im Brunnen

Die drei Hunde

Zitterinchen

Besenstielchen

Aschenbrödel

Das Mäuslein Sambar, oder die treue Freundschaft der Thiere

Der Mann und die Schlange

Der Hahn und der Fuchs

Die Lebensgeschichte der Maus Sambar

Bruder Sparer und Bruder Verthuer

Die Knaben mit den goldnen Sternlein

Helene

Goldhähnchen

Das Märchen vom Ritter Blaubart

Die Nonne, der Bergmann und der Schmied

Die drei dummen Teufel

Die dankbaren Thiere

Die drei Bräute

Die hoffährtige Braut

Die vier klugen Gesellen

Vogel Holgott und Vogel Mosam

Von zwei Affen

Von dem Wolf und den Maushunden

Die Katze und die Maus

Das goldene Ei









Maerchen.com
copyright © 2007, camo & pfeiffer



Maerchen.com - Vom Schwaben, der das Leberlein gefressen
Deutsches Märchenbuch ( 1847 ), Ludwig Bechstein