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Die drei Musikanten
Es
zogen einmal drei junge Musikanten aus ihrer Heimath in die Fremde; sie hatten
alle drei bei einem Meister die Musik gelernt, und wollten nun auch vereint
bleiben und ihr Glück in fremden Landen versuchen. Von Ort zu Ort
wanderten sie fröhlich dahin, spielten auf zu Kirmes-und
Festtagtänzen, und gewannen durch ihre lustigen Musikstücklein gar
manchen schweren Batzen, neben dem stillen und lauten Beifall. So kamen sie
denn auch einmal in ein Städtchen, und belustigten am Abend die
Gesellschaft mit schöner Musik. Endlich hörten sie auf, aufzuspielen,
sondern tranken eins, thaten Manchen Bescheid und gaben auch zum Gespräch
der Gäste ihren Theil. Da ward mancherlei Verwunderliches durch einander
geplaudert und erzählt. Zunächst ging die Rede von einem
Zauberschloß, welches sich in der Nähe des Städtchens
befände, und von welchem eben so viel Wunderschönes als Wunderbares
erzählt wurde. Bald hieß es: ja, dort sind noch ungeheure
Schätze, dort ist stets Ueberfluß an den köstlichsten
Lebensmitteln, obgleich keine Menschenseele darinnen wohnt, - bald hieß
es wieder: aber dort ist ein schrecklicher Gespensterspuk. Wer seinen Buckel
weiß hinein tragt, bringt ihn braun und blau gefärbt wieder heraus,
ohne die Schätze gehoben oder den Zauber gelöst zu haben. Dieß
und vieles Andere wurde hin und her geredet über das verzauberte
Schloß. Die drei Musikanten waren nicht sobald allein in ihrem
Schlafkämmerlein, als sie sich lange unterredeten und zugleich den
Gedanken erfaßten, das räthselhafte Schloß sich näher zu
besehen, ja, sogar sich hinein zu wagen, um möglicher Weise die dort
verborgenen und verzauberten Schätze zu heben. Nun wurden sie einig unter
sich, daß ein Jeder einzeln, einer nach dem Andern, sich hinein wagen
sollte, je nach der Aelte, und daß einem Jeden ein ganzer Tag dazu
vergönnt sein sollte, sein Abenteuer zu bestehen. Der erste
Glücksversuch fiel dem Geiger zu. Der machte sich muthvoll und ohne
Säumen auf das Schloß, und fand, als er dort anlangte, die
Eingangspforten schon offen, als ob man seiner geharrt hätte; doch als er
über die Schwelle geschritten war, schlug hinter ihm die schwere
Thüre zu, und es sprang ein riesiger Eisenriegel vor, und es war, obgleich
kein lebendes Wesen zu erblicken war, doch als wenn ein strenger Pförtner
hier sein Amt verrichte, und Wache halte - und dem Geiger kam ein Grausen an,
so daß sein Haar sich auf dem Wirbel sträubte. Aber er konnte weder
umkehren, noch verweilen, und es kräftigte ihn wieder der Gedanke an das
zu hoffende Glück, an Gold und Schätze. Treppe auf Treppe ab wanderte
der Jüngling, durch herrliche Zimmer, kostbare Säle, trauliche
Cabinetchen - alles prachtvoll ausgestattet, und in der schönsten
Sauberkeit erhalten. Aber überall war eine Todtenstille, auch nicht das
kleinste Mückchen lebte und wohnte hier. Doch dem Jüngling wuchs der
Muth aufs Neue, zumal als er den untern Räumen, Küche und
Gewölben, sich zuwandte, wo in Fülle die seltensten und
köstlichsten Speisevorräthe vorhanden waren, in den Gewölben die
Weinflaschen hoch aufgespeichert lagen, und alle Sorten süßer
eingemachter Früchte in großen Gläsern nach der Reihe standen.
In der schönen blanken Küche knisterte vertraulich ein helles
Feuerlein, und darüber ward von unsichtbarer Hand ein Bratrost gesetzt,
und ein ausgesuchtes Wildpretfleisch tanzte aus dem Gewölbe herein in die
Küche, und auf den Rost; und viele andere Speisen, feine Gemüse und
Pasteten und köstliches Backweck wurde eben so schnell, als kostbar von
unsichtbaren Händen zubereitet und dann in eins der schönsten Zimmer,
wohin sich der Jüngling begeben hatte, ihm nachgetragen und auf einer
gedeckten Tafel vor ihm ausgesetzt. Der Jüngling ergriff zuerst sein
Instrument, und ließ klangvoll seine schöne Melodien durch die
stillen Räume schallen, worauf er sich dann ohne Zaudern zur einladenden
Tafel setzte und zu schmausen anfing. Doch nicht lange, so öffnete sich
die Thüre und es trat ein Männlein herein, etwa drei Ellenbogen hoch,
mit einem Scharlachröcklein angethan, mit verwelktem Gesichtlein und einem
grauen Bart, der bis auf die großen silbernen Schuhschnallen reichte. Und
das Männlein setzte sich schweigend neben den Geiger und schmausete mit.
Als nun die Reihe an den schönen Wildpretbraten kam, nahm der Geiger die
Schüssel, und nickte dem Männlein zu, doch zuerst zuzulangen, und
dieses spießte lächelnd ein Stück Fleisch an die Gabel und
nickte wieder und ließ dabei das Bratenstückchen unter den Tisch
fallen. Gefällig bückte sich da gleich der gute Geiger, um es wieder
aufzuheben; aber im Nu saß ihm schon das Bartmännlein auf dem
Rücken und blaute so unbarmherzig darauf los, als ob es ihm das
Lebenslicht ausblasen wolle. Und auch des Geigers Mund wurde zugehalten, bis
unter unaufhörlichem Prügeln derselbe endlich zur großen
Eingangspforte hinausgeschoben ward. Draußen schöpfte der halbtodte
Geiger frischen Odem, und schlich dann ächzend dem Gasthof zu, wo die
Kameraden geblieben waren. Es war schon Nacht, als er ihn erreichte und jene
beiden schliefen bereits. Am andern Morgen sahen sie ganz erstaunt den Geiger
ebenfalls im Bette liegen, und bestürmten ihn bald mit vielen Fragen; doch
er kraute sich Kopf und Rücken, gab sehr kurze Antworten und sprach:
"Gehet hin und sehet selber zu! Es ist eine kitzliche Sache."
Der zweite Musiker, ein Trompeter, trat nun den Gang nach dem
Zauberschloß an, fand alles eben so wie das gebläute Geigerlein ,
und wurde auch eben so bewirthet mit Pasteten und - Prügeln, so daß
er am folgenden Morgen ebenfalls wie ein geprellter Fuchs auf seinem Lager lag,
und klagte, es sei ihm absonderlich aufgespielt worden, aus grober Tonart.
Dennoch hatte der Dritte, ein Flötenblaser, noch Muth genug, um sein Heil
im Zauberschloß zu versuchen. Er war der pfiffigste. Furchtlos
durchwanderte er das ganze Schloß, es däuchte ihm recht angenehm,
diese schönen Räume für immer zu besitzen; in Küche und
Keller war ja Vorrath an Lebensmitteln die Hülle und Fülle. Bald ward
auch für ihn eine kostbare Tafel gedeckt, und als er lange genug
fröhlich singend und Flöteblasend herum gewandert war, nahm er Platz
und ließ es sich behagen. Da trat wieder das Bartmännlein herein und
setzte sich neben den Gast. Und der unerschrockene Musikant ließ sich mit
ihm in ein Gespräch ein, und that gerade, als ob er ihn schon hundertmal
hier getroffen, doch war das Männlein nicht sehr redselig. Endlich kam es
wieder an den Braten, und das graue Männlein ließ wieder mit Absicht
sein Stück fallen; gutmüthig war eben der Flötenblaser im
Begriff es aufzunehmen, als er gewahrte, daß das Zwerglein flugs auf
seinen Rücken springen wollte. Da wandte er sich alsbald rasch um,
riß es von sich, und packte und schüttelte das Männlein an
seinem Bart so derb, bis er denselben zuletzt ganz herausriß und der
kleine Alte ächzend niederstürzte. Aber so wie der Jüngling den
Bart in seinen Händen hatte, überkam ihn eine außer ordentliche
Kraft, und er erschaute im Schloß noch viel wunderbarere Dinge wie
vorher; dagegen hatte das Männlein fast alles Leben verloren; es winselte
und flehte: "Gieb, o gieb mir meinen Bart wieder, so will ich Dir allen
Zauber, der dieses Schloß umfaßt, kund thun, und Dir dazu
verhelfen, den Zauber zu lösen, so daß Du dadurch reich und ewig
glücklich werden wirst." Der kluge Flötenbläser aber
sprach: "Deinen Bart sollst Du wieder haben, doch mußt Du mir zuvor
Alles dieses kund thun, sonst bist Du ein Schalk. Und eher gebe ich den Bart
nicht aus meinen Händen." Da mußte der Alte sich bequemen, erst
sein Versprechen zu erfüllen, obgleich er es nicht Willens gewesen war,
sondern nur mit List seinen Bart wieder an sich bringen wollte. Der
Jüngling mußte ihm nun folgen, durch dunkle geheime Gänge,
unterirdische Gewölbe und grauliche Felsklüfte, bis sie endlich auf
ein freies Gefilde kamen, das gänzlich aussah wie eine viel schönere
Welt als die unsrige. Und an einen Strom kamen sie, der brausete wild; doch das
Männlein zog einen kleinen Stab hervor und schlug in's Wasser, worauf
alsobald die Fluth auseinander trat und stille stand, bis Beide trockenen
Fußes hinüber waren. Drüben war es eine Pracht! - da ging es
weiter durch grüne, herrliche Laubgänge, überall Blumen,
Vöglein mit Silber- und Goldfedern, die sangen wundersam, und
glänzende Käfer und Schmetterlinge gaukelten und tanzten herum, und
andere niedliche Thiere schäkerten in Büschen und Hecken; und der
Himmel über ihnen sah nicht blau, sondern wie pure Goldstrahlen, und die
Sterne waren viel größer und kreiseten wie in verschlungenen
Tänzen durcheinander.
Der Jüngling staunte; und staunte noch mehr, als er von dem grauen
Zwerglein in ein noch weit prachtvolleres Gebäude, als das
Wunderschloß, geführt wurde. Auch hier herrschte neben aller
Herrlichkeit die tiefste Stille in den Gemächern, und als sie deren viele
durchwandert, kamen sie in eins, welches ganz mit Schleiern behangen war, wo in
der Mitte des Zimmers ein dicht verhülltes Bette stand, darüber ein
schöner Vogelbauer hing mit einem Vöglein, welches gar helle Lieder
durch die einsame Stille schmetterte. Das graue Männlein hub die Schleier
und Hüllen vom Bette und führte den Jüngling näher; dieser
sah hier auf weichen, seidenen Kissen, die reich mit Goldtroddeln behangen
waren, ein gar liebliches Mädchen schlafend daliegen, das war so
schön wie ein Engel, hatte ein weißes Kleidchen an und über
Brust und Schultern wallten die goldenen Locken herab, und auf dem Haupt
blitzte eine demant'ne Krone; aber ein tiefer, todtenähnlicher Schlaf
hielt die sanften Züge gefangen, und kein Geräusch vermochte die
holde Schläferin zu erwecken. Da sprach das Männlein zu dem tief
verwunderten Jüngling: "Siehe hier dieses schlafende Kind! Es ist
eine hohe Prinzessin. Dieses schöne Schloß, und dieses gesegnete
Land ist ihr Erbgut, wann sie erlöset ist; aber seit Jahrhunderten
schläft sie schon hier den festen Zauberschlaf, und auch seit
Jahrhunderten fand noch keine menschliche Seele den Weg, der hierher
führt, den nur ich täglich zurücklegte, um dort im Schloß,
welches meine Wohnung ist, zu speisen, und etwa die goldbegierigen Menschen,
die sich einfanden, mit einem Gericht Prügel zu bedienen. Ich bin der
Wächter über diese Schläferin, und mußte sorgfältig
verhüten, daß kein Fremder hier eindringe, und dazu ward mir mein
Bart, in welchem solche übermäßige Kräfte wohnen,
daß auch ich ebenfalls seit Jahrhunderten diesen Zauber zu üben
vermag. Doch nun, wo mir der Bart entrissen, bin ich kraftlos, und muß
dieses überschwengliche Glück, welches mit der holden Prinzessin
erwacht, Dir entdecken und überlassen. Und so schicke Dich rasch zur
Ausführung des Erlösungswunders. Nimm diesen Vogel, der über der
Prinzessin hängt, und der sie einst in den Zauberschlummer gesungen hat,
und seitdem jene selben Melodien auch immerfort singen mußte, - nimm ihn,
schlachte ihn, und schneide ihm das kleine Herz aus, brenne es dann zu Pulver
und gieb dieses der Prinzessin in den Mund, alsobald wird sie davon erwachen,
und wird Dich beglücken mit Hand und Herz, mit Land und Schloß und
allen ihren Schätzen." Das Männlein schwieg erschöpft, und
der Jüngling säumte nicht an das Werk der Erlösung zu gehen.
Schnell und gut wurde alles getreu nach der Angabe des kleinen Alten
ausgeführt, und das Pülverlein bereitet. Nach wenigen Minuten, als es
der Prinzessin gegeben war, schlug sie frisch und lächelnd die
schönen Augen auf, und hob sich vom Lager empor und dank dem
glücklichen Jüngling an die Brust, liebkoste und dankte ihm und nahm
ihn zu ihrem Gemahl an. Und in demselben Moment zog ein Donnern und Krachen
durch das Schloß, auf allen Treppen wurde es laut, und in allen Zimmern
wurde es geräuschvoll. Und endlich kam eine Schaar Diener und Dienerinnen
mit freundlichen Gesichtern in das Zimmer getreten, in welchem das
glückliche Paar weilte, und alle freuten sich, und flogen dann stink und
froh in die Küchen und Kellerräume, in Zimmer und Säle und
Gänge an ihre Arbeit, und waren alle wie neugeboren.
Das graue Zwerglein aber heischte nun streng seinen Bart von dem Jüngling,
und gedachte immer noch in seinem boshaften Herzen dem Glücklichen einen
Possen zu spielen. Denn, wenn ihm der Bart erst wieder am Kinn saß, hatte
er Macht, alle Sterbliche zu überwältigen. Allein der kluge
Flötenbläser gebrauchte noch immer Vorsicht mit dem tückischen
Männlein, er sprach: "O, Deinen Bart sollst Du wieder haben sei nicht
bange, ich will ihn Dir zum Abschied überreichen, aber erlaube, daß
wir Beide, meine holde Braut und ich, Dich eine kleine Strecke begleiten
dürfen." Das konnte das Männlein nicht verweigern. Sie gingen
nun weit durch schöne Laubgänge und über Blumenbeete mit dem
Zwerg, und kamen endlich an das ungeheuer tiefe, rauschende Wasser, welches
viele viele Meilen weit in der Runde um das Land der Prinzessin strömte
und gleichsam die Grenzscheidung bildete. Keine Brücke und kein Nachen war
rings vorhanden, worauf Menschen das jenseitige Ufer erreichen konnten; auch
kein kühner Schwimmer hätte es errungen, denn die Wellenfluth war zu
tosend und wild. Da sprach der Jüngling zu dem Männlein: "Gieb
mir Deinen Stab, auf daß ich Dir diesmal noch zur Ehre das Wasser
auseinander scheide." Und das Männlein mußte gehorchen, weil es
seine Bart-Kräfte noch nicht wieder hatte, und dachte auch im Stillen noch
in hämischer Freude: wenn er mir drüben, über dem Wasser, den
Bart überreicht, so bekomme ich ihn doch noch in meine Gewalt, nehme ihm
dann den Stab wieder ab, und Beide können ihr wunderschönes Land nie
wieder betreten. Aber nicht also gingen des Zwerges boshafte Gedanken aus. Der
kluge, glückliche Jüngling schlug mit dem Stab in's Wasser, es
theilte sich behende und stand stille, und der Zwerg ging voran und ging
hinüber, und schnell hinter ihm brausete die Fluth zusammen; aber der
Jüngling war mit seiner lieben Braut am andern Ufer zurückgeblieben,
er behielt den Zauberstab und schleuderte nur den Bart über's Wasser
hinüber, so daß ihn der Zwerg drüben auffing, und sich ihn
wieder ansetzte; und so ward der Alte doch um seinen Zauberstab betrogen, und
durfte hinfort nimmer wieder das herrliche Gebiet betreten. Und der
glückliche Jüngling kehrte zurück in's Schloß, mit seiner
Holden, zu steter Freude und Glückseligkeit; und keine Sehnsucht kam ihm
in sein Herz, je wieder zu seinen Kameraden zurückzukehren. Die
saßen lange im Wirthshaus, und als jener nicht wieder kam, sprachen sie:
"Der ist flöten gegangen," - und das ist hernach zum Sprichwort
geworden, wenn Einer oder eine Sache abhanden und nicht wieder kommt.
Ludwig Bechstein 1801 - 1860
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