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Besenstielchen
Es
lebte einmal ein Kaufmann, der hatte drei Töchter, von denen waren die
beiden älteren stolz und hoffährtig, die jüngere aber, wenn sie
auch ihre Schwestern an Schönheit bei weitem übertraf, bescheiden und
sittsam. Sie kleidete sich einfach und hob so unbewußt ihre
Schönheit mehr hervor, als jene durch den kostbarsten Putz vermochten.
Nettchen, so hieß die jüngste Tochter des Kaufmann's, hatte eine
einzige Herzensfreundin, die war sehr arm, aber eben so schön als
tugendhaft; es war die Tochter eines Besenbinders und wurde daher von Jung und
Alt nur das Besenstielchen genannt. Beide Mädchen waren e i n Herz und
eine Seele, sie vertrauten sich ihre kleinen Geheimnisse und aller
Rangunterschied war zwischen ihnen gefallen. Darüber erzürnten sich
die beiden andern Schwestern zwar sehr, Nettchen jedoch ließ sie schelten
und liebte ihr Besenstielchen darum nicht weniger.
Einst wollte der Kaufmann eine große Reise unternehmen, obgleich die
Jahreszeit schon sehr vorgerückt war. Er fragte seine Töchter, ob sie
einen Wunsch hegten, was er ihnen mitbringen sollte? Da sagte die älteste:
"Bringe mir ein goldenes Halsgeschmeide mit!" die zweite:
"Bringe mir ein Paar Ohrgehänge mit, die so schön sind,
daß mich alle Frauen darum beneiden!" Die Jüngste sagte, sie
habe keinen Wunsch, da die Güte des Vaters sie bereits versorgt habe; als
aber der Kaufmann in sie drang, so antwortete sie lächelnd: "Ei, so
bringe mir denn drei Rosen mit, die an einem Stiel gewachsen sind." Sie
war überzeugt, daß diese der Vater mitten im Winter nicht finden
würde. Er küßte sie ihrer Bescheidenheit wegen und trat seine
Reise an.
Er war schon wieder auf dem Nachhauseweg, als ihm die Geschenke einfielen, die
er seinen Töchtern mitbringen wollte. Ein goldenes Halsgeschmeide und ein
Paar prächtige Ohrgehänge waren bald gefunden, nicht aber so die drei
Rosen für Nettchen. Der Vater war schon entschlossen, irgend ein anderes
reiches Geschenk für seinen Liebling zu kaufen, als er sich plötzlich
mit Erstaunen vor einer grünen Umhegung sah und als er durch eine breite
Thorfahrt trat, stand er in einem großen blühenden Garten, der sich
an ein prächtiges Schloß lehnte. Draußen lag der Schnee, aber
im Garten blühten die Bäume, Nachtigallen schlugen in den
Büschen und endlich sah er sogar einen blühendem Rosenstrauch und
daran an einem Zweig drei der schönsten halbaufgebrochenen Knospen. Mit
Freuden dachte der Kaufmann daran, daß er nun Nettchens Wunsch
erfüllen könne und brach den Zweig ab. Kaum war das geschehen, als
ein ungeheures Thier mit langem häßlichen Rüssel,
herabhängenden Ohren, zottigen Fell und Schweif vor ihm stand und die mit
langen scharfen Krallen bewaffneten Tatzen auf seine Schulter legte. Der
Kaufmann war zum Tod erschrocken, noch mehr aber, als das Thier zu sprechen
begann und ihn für seinen Frevel mit dem Tod bedrohte. Der Kaufmann bat
und erzählte, zu welchem Zweck er die Rosen bestimmt habe; darauf
antwortete das Thier: "Deine jüngste Tochter muß eine wahre
Perle ihres Geschlechtes sein; wohlan, wenn Du mir versprichst,' sie mir in
sieben Monaten zur Frau zu geben, so sollst Du lebendig zu den Deinigen
zurückkehren." So sehr der Kaufmann über dies Ansinnen erschrak,
so versprach er doch Alles in der Angst seines Herzens, indem er jedoch daran
dachte, das Unthier zu hintergehen.
Der Kaufmann kehrte zu den Seinigen zurück und theilte die Geschenke aus,
aber er war traurig und trübsinnig und man merkte ihm an, daß er
einen schweren Kummer auf dem Herzen trug. Nettchen lag ihm mit Bitten an, ihr
sein Herzeleid zu entdecken, aber er half sich mit Ausflüchten; nur den
beiden altern Töchtern hatte er das Geheimniß entdeckt, die sich in
ihrem argen Sinn darüber freuten. Nettchen durfte fast das Haus nicht
verlassen , damit sie der Vater immer unter den Augen habe. Nur das
Besenstielchen besuchte sie zuweilen.
Einst, der siebente Monat war eben verflossen, befand sie sich auch wieder mit
Besenstielchen zusammen, als eine Equipage vor dem Hause hielt, und ein
Bedienter mit stummer Geberde dem Kaufmann einen Zettel überreichte,
worauf nichts geschrieben stand, als die Worte: Erfülle Dein Versprechen!
Der Kaufmann erschrak, faßte sich jedoch und ließ das
Besenstielchen zu sich entbieten. Das Mädchen kam, nichts Arges ahnend, da
deutete der Kaufmann auf sie, sie wurde in den Wagen gehoben und fort ging es
in sausendem Galopp.
Das Unthier wußte aber den Betrug wohl, als Besenstielchen ihm
vorgestellt wurde; es befahl, das Mädchen sogleich
zurückzuführen und die Rechte mitzubringen. Der Wagen hielt wieder
vor dem Hause des Kaufmanns und als das Besenstielchen ausstieg, flog ihr
Nettchen um den Hals, die Freundin herzlich zu begrüßen. Sogleich
wurde sie jedoch gepackt, und in den Wagen geschoben, der pfeilschnell mit
seiner Beute davon fuhr.
Nettchen war wohl sehr erschrocken, aber sie faßte sich bald wieder und
als sie in dem fremden schönen Schlosse ehrerbietig, obwohl mit stummer
Geberde empfangen wurde, ließ sie ihre Bekümmerniß fahren.
Stumme Diener brachten ihr die köstlichsten Speisen und wiesen ihr ein
Schlafgemach an, wo ein blendend weißes Himmelbett sie zur Ruhe einlud.
Sie überließ sich bald den Armen des Schlafs, nachdem sie ihr Gebet
verrichtet; als sie jedoch erwachte, sah sie mit Schrecken, daß ein
abscheuliches zottiges Unthier neben ihr lag; da es aber stille und ruhig war,
ließ sie es gewähren; es entfernte sich und Nettchen hatte Zeit
über ihr Abenteuer nachzudenken. Das häßliche Thier war nun
allmählig ihr Schlafgesell, aber sie fürchtete sich immer weniger vor
ihm; es schmiegte sich vertraulich an sie, Nettchen streichelte sein zottiges
Fell und duldete es selbst, als es mit seinem langen kalten Rüssel ihre
Lippen berührte. Dies dauerte vier Wochen lang, als das Thier in einer
Nacht nicht kam. Nettchen konnte nicht schlafen vor Sorge und
Betrübniß, was aus dem Thier, das sie liebgewonnen hatte, geworden
sein möchte. Als sie am Morgen im Garten spazieren ging, sah sie am Ufer
des Bassin's, das als Bad diente, das Thier ausgestreckt liegen; es rührte
kein Glied und trug alle Spuren des Todes an sich. Da zuckte ein so bittrer
Schmerz durch ihre Brust, daß sie um den Tod des armen Thieres weinte.
Kaum aber waren ihre Thränen geflossen, als das Unthier sich in einen
wunderschönen Jüngling verwandelte, der sich vor ihr erhob, ihre Hand
an seine Brust drückte und sprach: "Du hast mich aus einem
furchtbaren Zauber erlöst. Ich sollte nach dem Willen meines Vaters eine
Gattin freien, die ich nicht liebte; ich weigerte mich standhaft und im Zorn
ließ mein Vater mich durch eine Zauberin in ein Ungeheuer verwandeln, das
ich so lange bleiben sollte, bis eine reine Jungfrau mich trotz meiner
häßlichen Gestalt lieben und Thränen um mich weinen werde. Du
mit Deinem Engelsherzen hast es gethan, ich kann Dir nicht genügend
dafür danken; willst Du aber meine Gattin werden, so will ich durch Liebe
vergelten, was Du an mir gethan hast." Nettchen reichte ihm die Hand und
er ließ sich mit ihr trauen; nun erwachte das todtenstille Schloß
zu regem Leben. Es war Freude überall und die jungen Gatten lebten in
seligem Glück. Dem jungen Weibe war aber die Bedingung gestellt worden,
binnen Jahresfrist sich nicht nach dem väterlichen Hause
zurückzusehnen; doch erhielt sie einen Spiegel, in dem sie Alles sehen
konnte, was im Kreise der Ihrigen vorging. Nettchen sah fleißig in den
Spiegel und sah den Vater in Bekümmerniß, die Schwester hingegen
heiter und guter Dinge. Auch das Besenstielchen sah sie, wie es Leid trug um
die verlorne Freundin. Endlich aber versäumte sie es eine Zeitlang in den
Spiegel zu sehen, und als sie wieder hineinblickte, sah sie den Vater auf dem
Sterbelager, und die Schwestern im Nebenzimmer in einer fröhlichen
Gesellschaft. Da ward die gute Tochter traurig und vertraute ihr Leid ihrem
Gatten, der aber tröstete sie und sprach: "Dein Vater wird nicht
sterben; in meinem Garten wächst eine Pflanze, deren Saft ruft die
entfliehenden Lebensgeister zurück. Bald ist das Jahr zu Ende, dann holen
wir Deinen Vater und Du sollst Dich nicht mehr von ihm trennen."
Darüber freute sich Nettchen und als das Jahr um war, fuhren die Gatten
mit glänzendem Gefolge nach Nettchens Vaterstadt. Die beiden ältern
Schwestern zerplatzten schier vor Neid und Aerger, der Vater aber ward schon
vor Entzücken gesund, daß das Böse sich zum Guten gewendet
hatte. Der bewußte Saft machte ihn vollends kräftig und genesen.
Auch das Besenstielchen freute sich sehr und Nettchen war gegen sie die alte
treue Freundin. Sie und der Kaufmann begleiteten sie nach dem Schlosse des
Prinzen.
Nettchen war versöhnlichen Herzens und so sehr sie auch von den Schwestern
gekränkt worden war, so wollte sie doch auch mit ihnen ihr Glück
theilen. Sie ließ sie daher kommen und zeigte ihnen all' ihren Reichthum.
Die Schwestern erboßten sich über all' die Pracht noch mehr und
beschlossen den Tod der Glücklichen. Als sie einst im Bade waren, tauchten
sie Nettchen unter die Wellen, daß sie ertrank. Kaum jedoch war dies
geschehen, als sich eine hohe Frauengestalt vor ihnen erhob, die sie mit
zornigen Augen anblitzte. Sie berührte die Todte mit einem Stäbchen
und sie ward lebendig. "Ich bin die Zauberin, die einst den Prinzen
verzaubert hatte;" sprach die hohe Gestalt, "ich habe Dein
treffliches Herz erkannt und Dich in meinen Schutz genommen. Diese Elenden
tödteten Dich, nun bestimme Du ihr Loos !" Nettchen bat um Gnade
für sie, die Zauberin aber schüttelte den Kopf und sprach:
"Sterben müssen sie, denn Du bist nimmer sicher vor ihrer Arglist und
meine Macht ist zu Ende, wenn sie bestraft sind." - "So mache mit
ihnen, was Du willst!" seufzte Nettchen. "So sollen sie in
Säulen verwandelt werden und es so lange bleiben, bis ein Mann sich in sie
verliebt und das wird nimmer geschehen." Sie berührte die Schwestern
mit ihrer Hand und alsbald verwandelten sie sich in zwei Steinsäulen, die
bis auf den heutigen Tag in dem Garten des prächtigen Schlosses stehen,
denn es ist noch keinem Manne eingefallen, sich in kalte herzlose Steine zu
verlieben. -
Das gute Besenstielchen blieb Nettchens treuste Freundin, und theilt ihr
Glück noch immer, wenn sie nicht unterdessen alle Beide gestorben sind.
Ludwig Bechstein 1801 - 1860
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